Die UHUS

 

Etüden 2019 04+05 | 365tageasatzaday

Beitrag für die abc-etüden, siehe Christianes Schreibeinladung

 

Die UHUS

„Das kann ich doch übernehmen!“ hatte sie ausgerufen, als es darum ging, wer den traditionellen Nudelsalat bei ihrem nächsten Treffen zubereiten sollte. Sie hatte sich noch gewundert, dass es überhaupt eine Frage war, sie hatte doch immer den Nudelsalat gemacht, wenn die UHUS sich bei ihr trafen. Nun saßen sie an ihrem Tisch, die UHUS – Ulla-Hanna-Ulrike und schauten so seltsam, als sie selbst, Sabine, die Salatschüssel auf den Tisch stellte.

Überhaupt war alles so komisch. Vorhin hatte sie Ulla dabei überrascht, wie sie sich in ihren Kühlschrank die Joghurtbecher anguckte. Und während Ulrike ihr beim Tischdecken half, verschwand Hanna in ihrem Schlafzimmer. Was trieb sie da? Fragen hatte sie in letzter viele im Kopf. Gestern hatte sie sich plötzlich gefragt, wie lange sie die Nudeln kochen musste. Wie Kartoffeln, 20 Minuten, hatte sie sich schließlich beruhigt. Als ob sie das nicht wüsste!  Das Alter war verwirrend.

Manchmal fielen ihr Worte nicht ein, aber das sei normal, hatte der junge Mann gesagt, der sie letztens besucht hatte. Auch er hatte ihr viele Fragen gestellt, da war es aber in ihrem Kopf ganz leer gewesen. Wieso war der überhaupt gekommen? Sie kannte ihn doch gar nicht! Aber nett war er gewesen, hatte sich ihre Küchen zeigen lassen und mit ihr Kaffee getrunken. Mit ihren Freundinnen hatte sie noch gar nicht darüber geredet. Sie wollte gerne fragen, wo denn plötzlich die Salatschüssel hingekommen war, aber alle unterhielten sich so laut. Und die Worte, sie waren wie Wasser, oder wie ein schönes Tuch in ihren Händen. Sie nahm allen ihren Mut zusammen. „Ich bin in letzter Zeit so seidig!“ sagte sie leise, aber niemand ging darauf ein. Das war das letzte Treffen mit ihren Freundinnen. Sie hatte keine Lust mehr, weigerte sich beharrlich. Allein sein konnte sie auch alleine.

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13 Gedanken zu “Die UHUS

    1. Danke dir. Das ist der eigenen Erfahrung mit meiner Mutter geschuldet. Die sich, zumindest am Anfang ihrer Demenz, immer mehr zurückzog. Und sie hatte einen Faible für Seidentücher. Da hatte ich die Geschichte bei deinen gestifteten Worten relativ schnell. Aber ich bin sehr gespannt, was sich aus den Begriffen noch entwickelt!

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    1. Aber gerne! Ich denke, dass gerade bei demenzerkrankten Menschen oft zu wenig hingehört und mitgespürt wird, teils, weil wir selbst Angst haben, teils, weil sich Angehörige bei dem wahrgenommenen kognitiven Abbau nicht vorstellen können, wieviel Gespür diese Menschen haben für ihre Umgebung.
      Ich habe meine Mutter in ihrer Demenz auch wie befreit erlebt. Aber das wäre dann eine andere Geschichte… 😉

      Gefällt 3 Personen

      1. Meine Mutter war nicht dement und ich hatte bei jedem falschen Husten Angst. 😉
        Zu erleben, wie die eigenen Eltern hilflos werden, ist nicht leicht. Was das Erspüren der Umgebung angeht, magst du recht haben, wissen tue ich es nicht …

        Gefällt 2 Personen

  1. Hey,
    Demenz ist so ein schwieriges Thema. Wenn man beobachtet wie jemand langsam vergesslicher wird und es dann vor allem anfangs auch selbst noch mitbekommt. Ich finde du hast diese Situation sehr emotional und nah eingefangen. Ein schöner und trauriger Text.
    Grüße, Katharina.

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    1. Hallo Katharina,
      ja, da hast du recht, schwierig ist es schon manchmal. Gestern hab ich die Mutter einer Freundin besucht, sie hat mich sogar erkannt. Dann war die erste Frage: Wohnst du noch zu Hause? (Ich bin 54 ;-)) 2 Minuten später hat sie mir erzählt, dass sie morgens dachte, sie müsse zur Schule. Wir haben gemeinsam darüber gelacht und wie seltsam unsere Köpfe manchmal sind. Trotzdem spürte man ihr Leid und ihren Verlust hinter ihren Worten.
      Danke für deine Worte, es freut mich sehr, wenn mein Text auch so ankommt, wie er gedacht war.
      Liebe Grüße,
      Hummel

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  2. Ich habe es bei meiner Oma mit erlebt, und es ist für beide Seiten eine sehr schwierige Situation. Du beschreibst es sehr genau, auch die Betroffenen fühlen sich überhaupt nicht wohl, denn sie spüren genau, dass etwas nicht mehr stimmt und fühlen sich ausgeschlossen.

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    1. Genau, ich denke, die Isolation, von außen auferlegt oder von den Betroffenen selbst gesucht, ist ein Riesenthema. Natürlich spielt die Persönlichkeit der erkrankten Person eine Rolle, wie waren die Vorerfahrungen, wie wurde mit dem Thema Kranlkheit umgegangen. Bei meiner Mutter habe ich erlebt, das Krankheit einfach nicht tolerabel war, da hatte man sich zurückzuziehen und das möglichst schnell zu überstehen. Da war es eine doppelte Schmach, selbst zu erkranken. Dennoch hatte ich später das Gefühl, dass das Umsorgtwerden ihr besonderen Genuss verschaffte. Sie hat auch sehr früh einfach aufgehört, selbst zu essen, also ihre Hände zu benutzen. Wir reichten somit das Essen an, und es waren immer besonders innige Zeiten mit viel Kommunikation über Blicke und oft auch viel Lachen, als hätte sie das Gefühl gehabt: Ich hab euch mein Leben lang versorgt, nun seid ihr dran! Ich denke, es ist wichtig zu bemerken, was ist meine eigene Angst und Sorge, und was die der Betroffenen, und das möglichst wenig zu vermischen, um ihnen gerecht zu werden.

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  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.19 | Wortspende von Petra Schuseil | Irgendwas ist immer

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