Ein Katzenleben ging zu Ende

Gestern mussten wir unseren Sharif gehen lassen. Unseren kleinen Muck, der uns nun 14 Jahre begleitet hat. Wir sind so unendlich traurig und vermissen ihn so dolle. Die Trauer um ihn kommt in Wellen, und mit ihr die Bilder der letzten Tage, die vielen Tierarztbesuche, das Nichtfressenwollen oder -können, das Häufchen Elend geschwächt und still in seinem Körbchen und nicht zuletzt der leblose Körper, vor der Kerze, wo wir fast vier Stunden noch mit ihm gesessen und Abschied genommen haben. Es ist unglaublich schön, unser Leben mit ihm geteilt haben zu dürfen und immer, wenn mir die Tränen kommen, habe ich das Gefühl, er schmiegt sich an mich und flüstert in mein Ohr: Vertraue in das Leben, lebe den Augenblick, lass dich immer wieder ein auf das, was dir begegnet. 

Als wir ihn aus dem Tierheim holten, war auf etwa 3 -4 Jahre geschätzt und aus schlechter Haltung sichergestellt worden. Ein zartes Wesen, verhuscht und anfänglich sehr zurückhaltend. Am ersten Tag bei uns sahen wir ihn nur einmal kurz zum Katzenklo rennen, sich erleichtern, und wieder ab unter den Schreibtisch, wo er den Rest des Tages blieb. Aber schon am nächsten Tag fing er langsam an, die Wohnung zu erkunden. Zwar war er sehr schreckhaft, aber der andere Kater, der mit ihm aus dem Tierheim gekommen war, machte ihm wohl auch Mut. 

Aufgrund seiner Mangelversorgung als junge Katze war er anfänglich öfter mal beim Tierarzt, aber dank viel Liebe und Aufbaupräparaten entwickelte er sich prächtig. 

Als er nach einiger Zeit auf den Balkon durfte, wurde schnell klar: Er würde auch gerne durch die Gegend streifen. Und mit dem Umzug in unser jetziges Häuschen konnten wir ihm diesen Wunsch erfüllen. Sharif war oft unterwegs, aber er kam immer nach ein paar Stunden wieder, wir haben keine einzige Nacht in den 14 Jahren ohne ihn verbracht. Wir hätten so gerne gewusst, wo er sich eigentlich rumtrieb, wenn er unseren Garten verließ, aber wir haben es nie herausbekommen. 

Mit den Jahren ist er immer mutiger geworden. Anfangs ließ er sich nur von uns streicheln, später durften das auch andere, nur sanft mussten sie sein. Er inspizierte auf seinen Runden nicht nur unser Haus und unseren Garten, sondern dehnte das auch auf die Nachbarn aus. Einmal durch die Tür rein, die Treppe hoch, eine Runde gedreht und wieder raus in den Garten. 

Er hatte so viele nette Angewohnheiten, z.B. zur Feierabendzeit vor dem Haus auf uns zu warten, oder uns fast jeden Abend ins Bett zu bringen. Dann rollte er sich auf dem Bauch meines Mannes ein, oder bei mir vor dem Bauch. Oft stand er dann nach einer halben Stunde wieder auf, um die Nacht draußen zu genießen, manchmal blieb er auch bei uns. Er wurde von Jahr zu Jahr kuscheliger und anhänglicher. Und er hatte immer gute Laune, war nie nölig oder aggressiv. Simba und er lieferten sich kleine Ringkämpfe, aber meist ging es nur darum, viel Wind zu machen, damit wir einsahen, dass sie ja schrecklich hungerten und unbedingt gefüttert werden mussten, denn sobald ein Mensch aufstand während ihres „Kampfes“, liefen beide Kater direkt zur Futterstelle. 

Je älter er wurde, desto mehr hatte ich das Gefühl, er sei eine „alte Seele“. Auf unsere Weise führten wir Gespräche miteinander und wurden immer inniger. Und doch blieb auch der 17 oder 18 Jahre alte Kater immer unser Kleiner, weil er so lebendig, fröhlich und positiv war, so kindlich verspielt und unbedarft. Und ein kleiner Genießer. Sitzen und schauen. In die Luft schnüffeln und die Elemente spüren. Mäuse jagen und Wasser aus dem Teich trinken. Toben und ausruhen. Beobachten und sich strecken, putzen und schlafen. 

Du hast uns gezeigt, wie Leben geht. 

Und wenn deine Asche in ein paar Tagen zurückkommt zu uns, dann darfst du wieder in den Garten. Das würde dir gefallen, denken wir. 

Und uns tut es gut. 

17 Gedanken zu “Ein Katzenleben ging zu Ende

    1. Für mich war es schon ein innerer Kampf, mit all den Tierarztbesuchen und Aufs und Abs. Aber irgendwie hat der kleine Kerl mir auch gezeigt, wo es langgeht und dann war alles ganz klar. Ja, und vielleicht auch friedlich.

      Gefällt 1 Person

  1. Gudrun Wagner-Boy

    Oh Andrea, was tut mir das Leid. Du hast ihn und eure Beziehung so wunderbar beschrieben, da standen auch mir beim Lesen die Tränen in den Augen. Er hat bei euch so ein schönes Leben gehabt und auch einen, wenn man das so sagen kann, wunderbaren Abschied.

    Ich drücke euch von ❤

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s