Vom Aufstehen

Sie schlägt die Augen auf und blickt aus ihrem Schlafzimmerfenster in die Bäume, deren Blätter bereits von der Sonne durchflutet werden. Es wird also ein schöner Tag, denkt sie. Und dass dieser Tag auch schön werden würde ohne sie. Sie blickt hinaus in den sonnigen Tag – und fühlt nichts. Außer vielleicht Anstrengung. Anstrengung zu leben. Anstrengung darüber, dass sie weiß, dass sie den Garten wässern müsste, die Blumen gießen, die sie gestern neu gepflanzt hatte. Sonst hätte sie sich das auch sparen können, denn sie würden einfach verdorren, wasserlos, wurzellos.

Sie dreht den Kopf zur Decke. Was gibt mir Wasser, was gibt mir Wuzeln, gibt mir Halt? Die Fragen kommen und gehen, ohne dass Antworten sich dazugesellen. Es ist, als schwebe sie über der Welt, während sie hier noch im Bett liegt. Sie schaut auf sich herunter und hasst sich dafür, dass sie nicht leichten Fußes aus dem Bett springt und runter in ihren Garten. Sie mag ihn doch, ihren Garten. Es tut ihr gut, darin zu werkeln, zu pflanzen, Verblühtes rauszunehmen, Obst oder Gemüse zu ernten. Es macht ihr doch Freude, Vögel und Insekten zu beobachten, das fließende, glitzernde Wasser, die in der Sonne schimmernden Gräser. Sie weiß es, erinnert sich, doch sie fühlt es nicht. Es reicht einfach nicht an Motivation. Wie angenagelt liegt sie im Bett. Schließt die Augen. Fällt tiefer und tiefer in die Dunkelheit.

Als ihr Mann aufsteht, steht sie auch auf. Irgendwie. Mechanisch. Sie gießen zusammen, dann räumt sie die Spülmaschine aus und macht Kaffee. Sie bügelt ein paar Teile, jetzt, wo es noch nicht so heiß ist, fegt die Wollmäuse zusammen, die durchs Schlafzimmer und den Flur wehen, wischt schnell den Fliegenschiss von den Fenstern. Doch ein Teil von ihr liegt noch im Bett, ist in der Dunkelheit geblieben. Dieser Teil zieht an ihr, unablässig. Es ist, als würde er die Energie abdrehen für alles, was über das bloße Funktionieren hinausgeht. Er macht das Reden schwer, erst recht das Beantworte von Fragen. Willst du? Sollen wir? Was hast du denn vor? Himmel, ich weiß es doch nicht! Ich bin doch gar nicht da. Ich fehle mir selbst!

Etwas in ihr weint, will auf den Arm.

Sie hat mal gehört „Wenn gar nichts mehr geht, dann atme. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.“
Sie setzt sich in den Gartenstuhl und schließt die Augen.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen, denkt sie immer wieder.

Es fühlt sich an, als sei sie ein Ball, vom Atem getragen, der durch die Sphäre taumelt. Und langsam, ganz langsam, setzt sich dieser Ball beim Ausatmen mehr und mehr auf den Grund. Das ist ein wunderbares Gefühl, ein Gefühl wie anzukommen, aufgenommen zu werden. Plötzlich spürt sie die Sonne auf ihren Beinen. Sobald sie die Augen öffnet, ist es weg, das gute Gefühl. Also erlaubt sie sich noch eine Weile, mit geschlossenen Augen zu atmen und zu genießen. Und nach einer Weile, da kann sie auch mit geöffneten Augen weiteratmen, ohne dieses wohltuende Gefühl, ohne diese Erdung zu verlieren.

Na geht doch, denkt sie, und überlegt, was sie als Nächstes tun könnte. Doch es ist nicht vorbei, auf keinen Fall, sie merkt es im Nacken und an den Schultern, die Dunkelheit, die Schwere kommt sofort zurück, sobald sie aufstehen will. Gehöre ich jetzt auch zu denen, die stundenlang nicht aus ihrem Sessel kommen und Löcher in die Luft starren? Und wenn schon, es gibt schlechtere Gesellschaft, ärgert sie sich über ihre eigenen Gedanken. Eine Wespe landet am Wasserspiel und trinkt gierig. Kohlweißlinge tanzen ein Duett in die Luft. Die Sonne umgeht langsam den Sonnenschirm und brennt auf ihren Hals. Gleich, gleich werde ich aufstehen, denkt sie, und schließt noch einmal die Augen. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen. Einatmen, ausatmen.

 

3 Gedanken zu “Vom Aufstehen

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