Blind – abc Etüde

Es war erst Ende April, aber schon so warm draußen, dass sie ihre Schuhe nicht wieder angezogen hatte. Sie wollte doch nur kurz auf die Toilette gehen. Sie ahnte, dass ihre Mutter sie vorwurfsvoll angeschaut hatte, als sie wortlos aufgestanden und losgegangen war. Jetzt spürte sie den kühlen Fliesenboden der Küche unter ihren nackten Füßen. In Gedanken vollzog sie den weiteren Weg: Links der Sittichkäfig, drei weitere Schritte, dann kommt der Esstisch, rechts daneben die Tür zum Flur. Der kratzige Teppich im Flur war deutlich zu spüren. Ihre Hand glitt an der Wand entlang, während sie vorsichtig weiterging.

Autsch, das war hart unter ihren Füßen. Wohl nur die Knoten in den Teppichfransen des alten Läufers, beruhigte sie sich. Nach dem Ende des Teppichs noch etwa einen Meter, dann käme die Badezimmertür, kurz vor dem Sideboard. Sie atmete erleichtert auf, während sie mit der rechten Hand den Türrahmen ertastete, als sie unvermittelt mit der linken Hand etwas umstieß. Es schepperte und klirrte laut, als es auf dem Boden zerplatzte, vielleicht eine gläserne Vase oder ein achtlos abgestelltes Glas. Erschrocken blieb sie stehen, wagte keinen Schritt mehr.

Der Sittich flatterte aufgeregt in seinem Käfig und krächzte laut. Dann hörte sie die Stimme ihrer Mutter, die eilig näherkam. „Liebes, was ist passiert?“. Und: „Ach, ich sehe schon. Bleib einfach stehen, ich fege erstmal die Splitter weg.“

Langsam ging sie in die Hocke und schlang die Arme um ihre Beine. Der Sittich versuchte ein Lied. Er ist auch eingesperrt, dachte sie, während ihre Tränen auf die nackten Füße tropften.


 

Mein Beitrag zu den abc-Etüden, wie immer liebevoll betreut von und nachzulesen bei der lieben Christiane.

Die Wörter für die Textwochen 17/18 des Schreibjahres 2020 stiftete Myriade mit ihrem Blog la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée. Sie lauten:

Teppich
gläsern
flattern.

10 Gedanken zu “Blind – abc Etüde

    1. Ich kann mir nur schwer vorstellen, in völliger Dunkelheit Weite und Freiheit zu empfinden. Glück ist für mich immer bunt.
      Und in meiner Umgebung derart eingeschränkt zu werden, dass ich mich ohne Hilfe nicht verletzungsfrei bewegen kann, nur weil mir ein blödes Missgeschick passiert, gruselig.
      Da haben deine Worte eine lange Assoziationskette in mir ausgelöst 😉🙏

      Liken

  1. Ihr Lieben Mitschreiber*innen,
    da muss ich mich doch mal einschalten 🙂 Ich bin dieses Mädchen aus der Geschichte, ich kenne solche Situationen nur zu gut. Es ist vor allem die Scham und der Ärger, wenn etwas kaputtgeht und ich denke, das hätte doch nicht sein müssen und ich wäre so gerne wie die Anderen und würde nicht immer solchen Mist bauen.
    Aber: Das sind einzelne Situationen, Momentaufnahmen. Blinde Menschen leben nicht in völliger Dunkelheit bzw. finden Dunkelheit überhaupt nicht so bedrohlich, wie ein sehender Mensch sich das vorstellt. Für uns ist es normal, dass wir nichts sehen. Und das ist meist auch entweder nur graue Suppe oder schlicht Nichts. Es ist nicht schwarz oder dunkel.
    Und auch andere Sinne können sehr schöne, wohltuende und fröhlich machende Wahrnehmungen produzieren. Düfte, Musik, das Gefühl einer Berührung auf der Haut – ist das weniger schön als bunte Farben? Wir sind genauso oft wie Ihr glücklich oder unglücklich, zufrieden oder unzufrieden. Wir leiden nicht die ganze Zeit sondern leben genauso mit unserer Erfahrungswelt, wie Ihr das mit Eurer tut. Wir haben ein paar mehr Möglichkeiten, in Trouble zu geraten oder ein Missgeschick zu begehen, aber shit happens, Ihr kriegt auch nicht immer alles Unfallfrei hin und Frustrationen härten auch ein Stück weit ab.
    Also, ich finde die Etüde sehr gut, denn sie trifft tatsächlich für mich einen existierenden Nerv, aber das Beschriebene ist auf keinen Fall verallgemeinerbar sondern eine Ausnahmesituation.
    schöne Grüße
    Lea

    Gefällt 1 Person

    1. Nachtrag: Am Anfang der Geschichte ist das Mädchen selbstständig und in ihrem Element. Sie kommt offensichtlich gut zurecht und ist nicht unglücklich. Das beginnt erst mit dem kaputtgehenden Gefäß. Damit beschreibst Du sehr schön diesen Mechanismus, dass das Leben eigentlich ganz normal und ok ist und dass dann eben so ein Frustrationsmoment da reinknallt.

      Gefällt 1 Person

      1. Und noch ein Nachtrag: Als Kind habe ich solche Situationen nicht als sehr tragisch empfunden. Ich hätte mich vermutlich nicht als eingesperrt bezeichnet. Aber heute, als mittelalte Frau, fühlen sich diese Frustrationsmomente tatsächlich genau so an. Nicht wegen des Nichtsehens sondern wegen der blöden Missgeschicke, mit denen Unsereins den Anderen zur Last fällt – wie es sich dann eben anfühlt.

        Gefällt 1 Person

    2. Liebe Lea,
      Danke für deinen ausführlichen Kommentar und sozusagen die Innensicht. (Ich hatte schon mal geantwortet, aber es ist einfach weg… daher nun nur noch das:) ich hatte bei der Etüde eine junge Frau im Kopf, die nicht von Geburt an blind war, der also tatsächlich etwas „weggenommen“ wurde. Und die noch dabei ist, sich ihren Alltag zurückzuerobern.
      Viele Grüße,
      Andrea

      Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s