Mutvoll dem Tag begegnen – abc-Etüde

Was planst du, fragst du mich, und ich traue mich, NICHTS zu antworten. Ich lasse mich überraschen, wie sich das anfühlt, denn das Umherspazieren in meinem Kopf ist schon Anstrengung genug für heute. Ich streune herum zwischen Unerledigtem und Gewolltem, und versuche, wie ein Vöglein zu sein, mal hier zu naschen und dort ein kurzes Lied zu trällern, da ein Würmchen zu verspeisen, und dann, husch husch, ab durch die Hecke. Die innere Rumpelkammer aufräumen, en passant, nicht zielvoll und geplant.

Der Salat draußen wächst nicht, entweder ist es ihm zu kühl oder zu trocken, aber dafür leuchtet der Löwenzahn. Nehmen, was kommt. Zehren von dem, was angeboten wird. Es ist so reich, das Angebot.

Die Finger suchen den Ton und der Ton die Mitte, es gelingt nicht immer, aber heute ist es egal. Es ist das Tun, was mich ruhig macht, auch wenn nichts dabei herauskommt. Und wenn doch, umso schöner. Die Zeit verrinnt und mit jeder Minute werde ich weiter und leichter.

Abends schaue ich in den Spiegel. Die Sonne hat Sommersprossen in mein Gesicht gesäht. Ich lächel mich an, mutvoll. Ich mag Sommersprossen. Alles ist gut.


 

Soweit meine kleine Etüde mit den Worten mutvoll, Rumpelkammer und zehren von Ludwig Zeidler, die Regeln findet ihr hier bei der lieben Christiane.

Ja, an manchen Tagen ist mir so wie oben beschrieben. An anderen nicht. Gestern war ich mal wieder einkaufen, bei unserem Laden gibts kaum Veränderungen, nur ein paar Linien vor den Theken und vor den Kassen. Trotzdem ist alles anders als noch vor einigen Wochen. Viele Menschen tragen Masken, etwa die Hälfte, und so kann ich die Gesichter nicht sehen, sehe nicht, ob jemand freundlich lächelt oder nicht. Und viele Menschen kommen mir sehr nahe, besonders ältere. Wie seltsam. Sie wollen mich schützen durch ihre Masken, aber rücken mir trotzdem auf die Pelle, um nur schnell nach etwas zu greifen. Keine Sorge, ich schnapp euch schon nichts weg. Und Zeit hab ich auch.

Ich selbst versuche, möglichst freundlich dreinzuschauen. Ja, ich trage keine Maske. Ich habe Heuschnupfen und allergisches Asthma. Ich schaffe es meist, die Symptome für die Dauer eines Einkaufs zu unterdrücken oder eine einsame Stelle zu finden, um mir die Nase zu putzen.  Aber auch ich halte die Luft an, kommt mir jemand zu nahe. Bilde ich mir ein, dass die Augen über den Masken mich strafend anschauen? Wird nun jeder jedem zum Feind? Wie verändert es unser Zusammenleben, wenn wir uns nicht mehr ins Gesicht blicken können, wenn wir die Straßenseite wechseln, wenn wir uns entgegenkommen? 

Ich hatte nie Angst vor Ansteckung, habe immer in die Kräfte meines Körpers vertraut. Bis ich vor 3 Jahren so einen Husten hatte, dass ich mir einen Wirbel gebrochen habe. Das kommt wohl gar nicht so selten vor. Aber die Atemnot und die Schmerzen haben das Vertrauen in meinen Körper verändert. Seitdem werde ich sauer, wenn z.B. eine Kollegin mit Bronchitis ins Büro kommt. Ich weiß und verstehe, warum sie das tut, aber trotzdem habe ich Angst. Angst mich anzustecken. Mit jedem Jahr ohne Husten stieg das Vertrauen in meinen Körper wieder, der Rücken ist gut genesen, aber die Seele heilt langsamer, habe ich den Eindruck.

Obwohl mir klar ist, dass Angst nicht gut ist fürs Immunsystem, fällt es mir schwer, der Angst vor Corona den richtigen Stellenwert zuzuordnen.  Und jetzt hab ich nicht nur Sorge, mich anzustecken und eben keine einfache Verlaufsform zu erwischen. Jetzt habe ich auch noch Sorge, dass andere Menschen mich als Gefahr empfinden, als leichtsinnig oder was auch immer, weil ich ja eben nicht wissen muss, dass ich infiziert bin, um andere anzustecken. Perfide. Aber ist das nicht normal, das mit der unwissenden Ansteckung? Ich lese nach, und siehe da, auch die Grippeinfizierten sind z. B. am Tag vor Ausbruch der Krankheit schon ansteckend. Masernerkrankte sind 5 Tage vor Auftreten des Hautausschlages ansteckend, Bronchitis wird 1-3 Tage vor Ausbruch auch schon weitergegeben. Ich muss mir zwischendurch solche „normalen“ Fakten vor Augen halten, um nicht den Eindruck zu haben, bei Corona ist alles anders.

Mein Körper kann mit Krankheiten umgehen, es wird nicht von Corona entschieden, wie lange und wie glücklich ich lebe. Für mein Glück kann ich viel selber tun, und vielleicht passiert es eines Tages auch wieder  ganz von selbst, dass ich jemanden in den Arm nehme, ohne dass die Corona-Ansteckungs-Warnlampe in meinem Kopf anspringt. Zur Zeit kann ich mir das noch nicht vorstellen. Aber vielleicht ist irgendwann die Sehnsucht nach Berührung und Nähe größer als die Angst. Sich von anderen berühren lassen, ist so ein wunderbares Geschenk und so wohltuend für die Seele. Es fehlt mir.

Ich gehe jetzt meinen Mann suchen. Zum Glück ist er im Home-Office (während ich Überstunden abbaue). Ich brauche jetzt dringend eine Umarmung!

 

12 Gedanken zu “Mutvoll dem Tag begegnen – abc-Etüde

  1. Gudi

    Liebe Hummel. Du sprichst mir aus der Seele! Ob die Menschen irgendwann zu der alten Nähe zurückfinden werden? Es ist nicht das Materielle oder das Kulturelle was uns gerade genommen wird, sondern das Emotionale. Wie wohltuend die täglichen Begegnungen mit lieben Menschen doch sind, Unbekannte, die uns anlächeln, ich komme mir immer komisch vor, wenn ich jemandem aus dem Weg gehe, habe ich es doch in mühevoller Arbeit erlernt, offenen Herzens auf sie zuzugehen. Ich leide unter diesem emotionalen Verlust.
    Hoffen wir dass es bald wieder möglich sein wird einen Menschen dann zu Umarmen, wenn uns danach ist.
    Bleibt gesund und emotional!

    Gefällt 2 Personen

  2. Ich mag deine Etüde sehr, besonders das mutvolle Anlächeln. Ich mag aber auch deine Nachbetrachtungen. Ja, das ist hier auch so mit den Blicken und dem Husten, auch hier nimmt der Anteil Masken in den Läden, aber auch draußen im Freien rasant zu – obwohl wir doch alle wissen, dass nicht-medizinische Masken nicht gegen Corona schützen, oder? Und auch ja, es sind oft Ältere, die drängeln, auch hier.
    Ich gehe auch ohne Maske. Noch nie habe ich so vielen Fremden höflich zugelächelt, noch nie habe ich so viele erleichterte und freundliche Blicke zurückbekommen. Mir scheint, viele freuen sich über Blickkontakt, und extrem viele wünschen Corona sonstwohin.
    Bleib heiter. Es wird auch wieder anders.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁🌞☕🍪👍

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  3. Danke dir.
    Ich kann das, was du da schreibst, gut nachvollziehen.
    Ich war ja gestern wandern und am Großteil der Wegstrecke war es einfach, mit viel Abstand aneinander vorbeizukommen. Aber es gab auch Abschnitte, da war es eng und mir blieb nichts anderes übrig, als mich wegzudrehen. Den Anderen den Rücken hinzustrecken. Das ist mir selbst unangenehm – und gleichzeitig ärgerte ich mich über diejenigen, die keinerlei Anstalten machten, auf die Seite zu gehen und für Abstand zu sorgen. Sie sahen wohl, dass wir – frühzeitig – zur Seite gingen, trotzdem liefen sie zu zweit oder dritt nebeneinanderher. Das konnte ich nicht nachvollziehen.
    Und dann habe ich mir später überlegt, wie das ist, wenn es noch länger dauert: Werde ich dann pampig? Sage ich den „Ignoranten“ meine Meinung? Ich hoffe es nicht – und ich weiß es nicht.
    Liebe Grüße
    Judith

    Gefällt 1 Person

  4. Ich glaube, das Gefühl deiner Etüde funktioniert immer noch.
    Die Angst ist real und da, vor allem weil sie etwas Neues ist. Ich denke aber lächeln ist das wichtigste und solange andere Zurücklächeln ist alles möglich. Corona ist der Gegner und auch irgendwie die Angst davor, nicht andere Menschen. Ich verstehe die Angst, aber ich bemüh mich so zu fühlen, wie in deiner Etüde.

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    1. Vielleicht ist auch niemand der Gegner, und alles nur Leben. Vielleicht sollten wir weniger kämpferisch-kriegerisch denken. Mir tut das jedenfalls gut. Danke fürs Teilen deiner Gedanken dazu und gutes Gelingen 😊

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  5. „Zehren von dem, was angeboten wird“, gefällt mir gut als Einstellung.
    Ein Lächeln ist auch trotz Schutzmaske sichtbar. Vielleicht liegt es an den vielen Stunden meines Lebens die ich mit Maske unter Kolleginnen und Angehörigen ebenfalls mit Maske verbracht habe,mir fällt es jedenfalls sehr leicht die Minik des anderenm so zu erkennen,möglicherweise ist es Übungssache

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