Karfreitag

Es gibt so Tage, da ist es schwer für mich, die Eigenarten anderer Menschen zu tolerieren. Ich bemerke, wie ich immer enger werde.

Beispiel:
Gestern, Karfreitag, feiert die Nachbarin mit ihren Freundinnen eine Party. Nicht nur, dass ja immer noch der Corona-Ausnahmezustand gilt. Vielleicht war auch gerade deshalb die Sehnsucht besonders groß. Aber es war eben auch Karfreitag, der stillste Tag im Jahreskreislauf, zumindest in meinem christlich geprägten Heimatland. Aber ab 22 Uhr wurde richtig aufgedreht, da wurden laut Schlager mitgegröhlt und die Party ging so richtig ab. Leider liegt mein Schlafzimmer fast direkt oberhalb der Gartentüre der Nachbarin, und weil man ja zwischendurch auch rauchen wollte, standen alle also unter meinem Fenster und unterhielten sich, lautstark, so dass es mir auch nicht gelingen wollte, meine Ohren zu verschließen.

Ich bin wahrlich kein gläubiger Mensch, schon seit vielen Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Dennoch schätze ich den Kreislauf des Kirchenjahres, genieße die Feiertage, die Gelegenheit geben, aus dem Alltag auszubrechen und Anstoß geben, nachzudenken, zu feiern oder eben auch – still zu werden.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich anders reagiert hätte, wenn meine Nachbarn z.B. muslimischen Glaubens wären. Ob es mir dann leichter gefallen wäre, ihre der meinen so völlig gegenläufigen Stimmung zu tolerieren. So aber, mit dem Wissen, dass drüben Kommunion gefeiert wurde, dass man in den Kindergottesdienst geht und natürlich zu Weihnachten auch in die Kirche, so hab ich diese Party abwechselnd als pure Provokation empfunden, als „ich scheiß auf euch, ich lass es mir heute gut gehen“, oder aber als völlige Ignoranz anderen Menschen und Bedürfnissen gegenüber. Vielleicht hätte auch eine kleine Andeutung darüber genügt, dass es abends was lauter werden könnte. So aber lag ich in meinem Bett und habe mich dabei erwischt, mir auszudenken, was ich frühmorgens tun könnte, um die Nachbarin zu ärgern. Ab halb 7 laute Klaviermusik oder ein Orgelkonzert? Heavy Metal für den alkoholschweren Kopf? Gleichzeitig hab ich mich total geärgert über mich, denn mir ist schon klar, dass es irgendetwas IN MIR anrührt, dass ich so wütend geworden bin. Ich fühle mich so furchtbar IM RECHT, selbstgerecht, dass ich mich kaum im Spiegel anblicken mag.

Irgendwie ist es die alte Frage: Was nehme ich mir an Freiheiten raus, auch wenn es meinen Nächsten einschränkt? Oder warum nehme ich mir Freiheiten eben nicht raus?Wieso glaube ich, über andere richten zu dürfen, bestimmen zu dürfen? Wie weit sollte Individualismus gelebt werden, wann ist Gemeinschaftsdenken angesagt?

Ja, ich glaube, von einer anderen Nachbarin, z.B. muslimischen Glaubens, hätte ich wie selbstverständlich ein anderes Wertesystem zugrundegelegt. Es wäre mir einfach offensichtlicher gewesen, dass sie ein anderes Programm auf ihrer Festplatte hat als ich.

Vielleicht war ich auch nur enttäuscht darüber, dass die Nachbarin auch ein anderes Programm hat als ich.

Und dabei hat jeder und jede ein anderes Programm. Letztlich sind wir alle die Summe unserer Prägungen und Erlebnisse, einzigartig und verschieden. Und letztendlich eint uns das auch wieder.

6 Gedanken zu “Karfreitag

  1. Ich bin mit sowas auch latent überfordert, aber von der anderen Seite aus. Ich habe mit Religion nichts am Hut. Schön, dass es die Feiertage gibt, aber hießen die jetzte anders und wären geschichtliche Ereignisse oder so, wäre es mir auch egal. Andererseits will man ja anderen auch nicht auf die Füße treten. Sprich, ich würde Karfreitag nicht laut feiern um andere nicht zu verärgern, aber zB habe ich gestern mich mit meinen Freunden via Videokonferenz getroffen. Btw. wäre das in Corona-Zeiten auch die smartere Variante für deine Nachbarin gewesen….einige peilen es einfach nicht.

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  2. Ich kann dich gut verstehen …
    Schön, dass du weißt – es hat etwas mit mir zu tun – und du bist dir ja sehr auf der Spur.
    Unabhängig davon finde ich es, gerade in diesen Zeiten, ein Beispiel an Rücksichtslosigkeit.
    Hoffe, du hast es heute wieder ruhiger.
    Liebe Grüße
    Judith

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  3. Unabhängig vom Tag ist engegen der (gilt das Partyverbot nicht in allen Bundesländern?) allgemeinen Erlasse eine lautstarke Party zu feiern ein geradezu bösartiger Affront in jeder Hinsicht, der mich selbst beim Lesen schon fernwütend macht.
    (Ich glaube übrigens, dass ausgerechnet Menschen, die der oder genau dieser Religion fernstehen, rücksichtsvoller gewesen wären.)

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  4. Geht mir auch so, dass ich mich über sowas maßlos ärgere. Und zwar nicht, weil ich religiös wäre (bin auch ausgetreten), sondern weil ich es rücksichtslos finde. Und mit Rücksichtslosigkeit komme ich so gar nicht zurecht.

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