Supervision – Ein Erfahrungsbericht

Letztes Jahr gab es bei uns im Büro ein paar unschöne Szenen, und ich fühlte mich (mal wieder) sehr unwohl dort. Es gab so viel, was mich nervte, was mir das Aufstehen morgens schwer machte und mich während der Arbeitszeit sehnsüchtig an zu Hause denken ließ. Ich hatte häufig Kopfschmerzen und war abends totmüde und nicht mehr fähig, einem Privatleben nachzugehen. Nun habe ich keinen Beruf, den alle haben, sondern einen eher speziellen, was dazu führt, dass die Angebote überschaubar sind, und der Erfahrungsaustausch zwischen den einzelnen Büro recht gut ist. Kurz gesagt: Es ist überall ähnlich, wenn nicht schlimmer. So jedenfalls zum damaligen Zeitpunkt mein Gefühl. Trotzdem litt ich. Und entschloss mich daher zu dem Schritt, eine berufliche Supervision in Anspruch zu nehmen.

Das war im Oktober 2019. Meine letzte Supervisionssitzung hatte ich vor etwa zwei Wochen. Und nun würde ich gerne darüber berichten, wie es mir ergangen ist, denn vielleicht befindet sich jemand in einer ähnlichen Situation. Dann kann ich nur sagen: Traut euch, nehmt Kontakt auf zu einem Supervisor oder einer Supervisorin, lasst euch darauf ein.

Ja klar, vielleicht habe ich Glück gehabt. Aber macht euch selbst ein Bild.

Es fing mit einem „Vorgespräch“ an. Nanu, dachte ich, was sollen wir denn da besprechen? Und wir haben uns nicht nur besprochen, wir haben einen sogenannten Kontrakt geschlossen, und ich musste schon richtig arbeiten. Denn es war nicht so einfach, in Worten und schriftlich zu fixieren, „um welche Themen es bei der Supervision gehen könnte“. Ich, die ich monatelang nur immer von innen auf das Büro schaute, wurde nun gezwungen, mal von oben, von außerhalb draufzuschauen und all meine unguten Gefühle in bearbeitbaren Themen darzustellen. Gar nicht so einfach. Und dennoch hatte ich das Gefühl, da nimmt mich jemand ernst, da geht es nicht nur um meine Befindlichkeit, sondern um Strukturen, Inhalte etc., die auch für jemand Anderen nachvollziehbar wurden.

Und ich musste mich positionieren, zwischen zwei Polen, genau den Punkt angeben, an dem ich stand. Auch das, nicht einfach.

Es ging auch um andere Dinge, z. B. wie oft wir uns treffen wollen, was passieren müsste, damit ich die Supervision abbrechen würde, oder woran ich merken würde, dass sich etwas verändert hätte. Ich möchte nicht so in Detail gehen, aber nach dieser ersten Stunde war mir klar, das würde ans Eingemachte gehen, mit Sicherheit auch etwas in Bewegung bringen. Und das war mein Ziel, also hab ich mich reingestürzt.

Stunde 2 – Ich bekomme eine Aufgabe. Bäh. Ich soll malen. Na gut.

Während ich auf dem Boden hocke und mit diversen Stiften und Farben hantiere, komme ich mir ungelenk und viel zu schlicht vor. ICH KANN DAS NICHT. Oder will ich es nur nicht. Ich sitze bestimmt 15 Minuten vor meinem Blatt, und ich versinke immer mehr in die Aufgabe. Und als ich dann erzähle, was ich da gemalt habe, kommen mir die Tränen. Ich merke, wie sehr ich emotional verstrickt bin, wie sehr ich mich nach „früher“ sehne, dass alles wieder gut wird, wie wenig Positives ich aktuell sehen kann.

Dieses Gefühl zieht sich durch viele der vereinbarten Stunden. Immer, wenn ich es gar nicht erwarte, tut sich eine Tür auf, entwickelt sich Verständnis. Oder ich fühle mich gestärkt, in meinen Empfindungen, aber auch in Fähigkeiten, die ich verschüttet glaubte, oder die ich gar nicht zu haben glaubte. Meine Supervisorin ist auf meiner Seite, dieses Gefühl verlässt mich nicht, aber sie zeigt mir auch Türen, durch die ich bislang nicht blicken wollte.

Ich bekomme „Hausaufgaben“ auf, die ich auch versuche, umzusetzen. Eine davon ist z.B.: Bleibe auf der Sachebene und – wenn du dir das nicht zutraust – schweige. Oh Wunder, ich schweige viel im Büro und – es ist kaum zu glauben – die Stimmung verändert sich allmählich.

Und es passieren im Laufe der Monate weitere unglaubliche Dinge. Beide Kolleginnen, mit denen es immer wieder Reibereien gab, entschließen sich unabhängig voneinander, zu kündigen. Beide sehe ich nach meinem Krankenschein im November nicht wieder. Natürlich steigt dadurch die Arbeitsbelastung, aber auch die Stimmung steigt langsam, so dass es erträglicher wird. Nicht sofort, aber im Laufe der Zeit.

Meine ehemalige Cheffin verstirbt plötzlich, und ich habe Zeit, mich noch einmal mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, erfahre Dinge, die ich bislang nicht wusste, und kann ein Stück mehr abschließen.

Es laufen Bewerbungsgespräche. Und ich erfahre ein bisschen mehr darüber, was z.B. mein Chef sich wünscht. Wir kommen ins Gespräch. Sachlich. Und es funktioniert.

Es ist nicht so, dass nun alles gut ist. Aber mir geht es um Längen besser, weil ich mich intensiv mit mir beschäftigt habe und tatsächlich Neues über mich gelernt habe.

Inzwischen ist die Supervision beendet, wir erhalten einen neuen Mitarbeiter, der morgen anfängt. Und ich habe schon ein wenig Sorge, dass das System, was wir mühsam etabliert haben, wieder so stark in Bewegung kommt, dass ich meinen Platz verliere. Es ist wie ein Mobile, schubst man ein Teil an, bewegen sich unweigerlich alle Teile mit. Aber ich hoffe, dass wir ein Gleichgewicht finden. Und Hoffen, das ist etwas, was ich schon verlernt hatte.

Ich schaue wieder positiv in meine Zukunft, habe vor Augen, was meine Bedürfnisse sind und wie ich sie, auch in Zukunft, umzusetzen gedenke. Z. B. habe ich vor, noch weitere Stunden zu reduzieren, wenn es finanziell möglich ist. Mir ist klar, dass es bis dahin noch ein Weg ist, und ich habe Vorsichtsmaßnahmen getroffen, um mir immer wieder, regelmäßig, selber einen Rückblick zu gestatten, wie es gerade läuft, wie mein Befinden ist, und mein Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Auch dazu hat meine Supervisorin mich ermuntert, als ich schon das Gefühl hatte: Jetzt ist ja alles gut.

Sie war äußerst wachsam und hat mich wunderbar begleitet.

Von daher kann ich jedem, der beruflich irgendwie festgefahren ist, nur empfehlen: Holt euch Hilfe ins Boot, denn der Blick von außen ist äußerst lehrreich. Natürlich weiß man vorher nicht, wohin die Reise geht (sie hätte auch zu meiner Kündigung führen können), aber überhaupt wieder auf die Reise zu gehen, löst manchmal schon einige Probleme.

Meine Supervisorin kommt aus der systemischen Supervision, es gibt auch andere Ansätze, aber aufgrund meiner positiven Erfahrung würde ich euch das natürlich empfehlen.

Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir gerne!

Andrea

 

 

 

 

 

4 Gedanken zu “Supervision – Ein Erfahrungsbericht

  1. Das liest sich sehr interessant, wie du deinen Weg beschreibst und den hilfreichen Hinweis deinen Lesern mitzugeben, denn man schon mal als Option für schlechte Zeiten im Gedächtnis bevorraten kann, finde ich sehr gut.

    Gefällt 1 Person

  2. Gudi

    Liebe Andrea,

    es freut mich, dass die Supervision so einen Erfolg gezeigt hat. Das hört sich alles auch total interessant an. Ich wünsche Dir ganz ganz viel Glück und Erfolg bei der weiteren Umsetzung.

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