Von windigen Nächten und Gespenstern

Wer uns heute anschaut, sieht zwei völlig übernächtigte, blasse Gestalten durch die Wohnung wanken. Nein, wir waren nicht aus. Also, doch, aber wir waren um halb 11 schon wieder zu Hause, denn wir waren mit dem Schwiegervater und seinem Freund essen. Zu viel essen übrigens, wie meist bei solchen Gelegenheiten. Obwohl ich mich zurückgehalten hab, lagen mir die Speisen wie die Steine dem Wolf im Magen und ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Dem Mann ging es wohl ähnlich, jedenfalls hörten wir beide dann im Bett liegend erst die Katzenklappe klappern und dann Gebrumm, Gejaule und schließlich sogar heftiges Gekreische. Nicht gut. Der rote Kater neben mir im Bett wurde vor Aufregung ganz dünn, während der Mann aus dem Bett sprintete und runterlief, um sich die Sache im Garten genauer anzuschauen.

Während er unten noch zur Taschenlampe griff, stürmte der weiße Kater durch die Katzenklappe mit lautem Getöse rein und sofort wieder raus, Richtung Vaters Garten und – Stille. Nichts mehr zu hören. Kein Fremdkater, kein Unserkater. Nun wurde der unsrige ja Ende 2018 übel gebissen, also gingen wir voll Sorge in den Garten, um ihn zu suchen. Nichts. Kein Rufen half, es blieb, bis auf das tosende Geräusch des Windes in den Bäumen, still.

Wir gingen beide wieder ins Bett, kraulten den roten Kater in den Schlaf, an den selbst nicht zu denken war. Schließlich stand der Mann wieder auf, murmelte „Ich warte mal unten auf den Kleinen“ und weg war er. Ich fiel schließlich in einen leichten Schlaf, aus dem ich schweißnass jede halbe Stunde mit neuen geträumten Horrorszenarien von riesigen Fleischwunden oder gar toten Katzen aufwachte. Irgendwann kam der Mann wieder ins Bett, ich stand um 3 Uhr nochmal auf und machte eine Gartenrunde, aber nichts zu sehen von dem weißen Kater. Das ist schon ungewöhnlich, wenn wir abends nicht zu Hause waren, weichen sie oft gar nicht von unserer Seite oder sehen zumindest regelmäßig nach uns (nein, ich vermenschliche unsere Kater nicht, ich doch nicht). Wo steckte er nur?

Um 5 Uhr stand ich dann auf, machte Licht im Bad an und wollte so einen ganz normalen Tag vortäuschen. Vielleicht konnte er es ja irgendwo sehen, das Licht, und würde kommen? Schließlich fand mein Mann ihn vor unserer Haustür sitzend vor. Aber ist das wirklich unser Kater? Ein völlig verschrecktes Häufchen Elend kam da rein, ganz vorsichtig, mit hektischem Blick, völlig geräuschlos.

Ich bin total froh, ihn anscheinend unverletzt zu sehen, und gleichzeitig bricht es mir fast das Herz und ich frage mich, was er wohl erlebt hat. Er traut sich nicht mehr in die Küche, das ist offensichtlich. Er schaut nur um die Ecke, geht aber nicht rein, weder alleine noch mit uns. Der Keller war seine erste Zuflucht, dann hoch ins Schlafzimmer, vorsichtig, Treppe für Treppe. Tut ihm etwas weh? Zu unserem Frühstück kam er zwar kurz runter, aber er blieb in ständiger Habacht-Stellung. Er hat fast nichts gefressen, inzwischen liegt er wieder oben auf dem Bett und versucht zu schlafen, schreckt aber bei jedem Geräusch hoch. Irgendetwas hat ihn zutiefst verunsichert. Das sind so Momente, da wünschte ich, ich wäre Dr. Dolittle und würde besser verstehen.

3 Gedanken zu “Von windigen Nächten und Gespenstern

  1. Das Like drückt Mitgefühl aus. Ist ja klar, dass es nicht „gefällt“.
    Hatte ich dir gegenüber nicht schon 2018 erwähnt, dass wir bei einer ähnlich total entsetzt-verschreckten Katze vermuteten, sie hätte sich mit einem Waschbären geprügelt?
    Dabei war die Katze eine erfahrene und häufig gewinnende Rauferin, die sogar selbst angegriffen haben könnte, um einen „besonders dicken Kater „zu vertreiben.
    Man findet im Web inzwischen mehr solcher Erwähnungen. Kann sein, dass so ein Maskierter auch versucht hat, durch die Katzenklappe zu kommen.

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, das mit dem Waschbären kommt mir bekannt vor. Wir haben aber lediglich einen Dachs hier, soweit wir dank Nachtkamera wissen. Und deutlich eine zweite Katze gehört. Es gibt hier einen unkastrierten Kater, der ab und zu in unseren Garten kommt und anscheinend unsere kastrierten Kater nicht ernst nimmt. Unser Kleiner geht Streitereien eher aus dem Weg. Aber vielleicht ist ihm dann im Laufe der Nacht noch irgendetwas/irgendwer begegnet, wer weiß. Jedenfalls danke ich für dein Mitgefühl, der Kleine schläft immer noch oben – und wir werden die Kamera ab heute Nacht auf jeden Fall nochmal aufstellen. Mal sehen, was sich zeigt.
      Was ich im Internet über Waschbären lese, hört sich nicht gut an, und tatsächlich gibt es inzwischen auch „zwei stabile Vorkommen in Bottrop und Essen“ – ich wünsche mir sehr, dass das nicht ausgerechnet hier in unserer Nähe ist…

      Gefällt 2 Personen

  2. Pingback: Das letzte Mal – Beitrag zu den abc-Etüden – Hummelweb

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