Ich hab da mal ne Frage

Etwas quält mich. Es stichelt und kommt mir immer wieder ins Gedächtnis. Es fing an vor etlichen Wochen, als die Einladung kam. Zum 90. Geburtstag. Von Tante B.

Nun ist ein 90. Geburtstag ja schon ein Anlass zum Feiern, zumal es der Jubilarin gut geht und sie voll im Leben steht. Sie hat einen großen Freundeskreis, geht mehrmals die Woche in die Kneipe um die Ecke, trinkt sich dort ein Weinchen oder zwei, spielt regelmäßig. Sie versorgt ihren Haushalt selbständig und meinen Vater immer öfter mittags gleich mit.

Zeitsprung, etwa 4 Monate zurück: Mein Mann und ich machen zwei Konzerttermine aus. Was äußerst selten vorkommt, wir, zusammen, auf einem Konzert. Und ich freu mich wie blöd.

Etwa 4 Wochen später erhalte ich eine Einladung meiner ehemaligen Ausbilderin zum 70. Geburtstag. Ich sage hocherfreut und spontan zu. Erst, als ich den Termin eintragen will, stelle ich fest, dass an dem Abend genau der erste Konzerttermin ist.

Ich gehe in mich, überlege. Die Geburtstagseinladung ist mir total wichtig. Die betreffende Person ist immer für mich da, auch wenn wir uns oft monate- oder jahrelang nicht hören, geschweige denn, sehen. Ich freue mich, Zeit mit ihr zu verbringen, wir tun uns – anscheinend – auch gegenseitig gut. Weiterhin ist die Feier die Chance, ehemalige Kolleginnen zu treffen. Ich möchte da hin. Ich spreche mit dem Lieblingsmann, und wir beschließen, dass er den Abend mit einer Freundin auf dem Konzert verbringt, während ich zur Geburtstagsfeier gehe. Es wird übrigens für uns beide ein sehr schöner Abend!

Nochmal vier Wochen später kommt die Einladung von Tante B. Sie feiert mitten in der Woche? Damit hatte ich nicht gerechnet. Und es ist – natürlich – genau der Tag des zweiten Konzertes. Der Lieblingsmann guckt schon streng. Du wirst doch nicht?

Nein, mir ist klar, wo mein Herz schlägt, ich möchte mit ihm auf dieses Konzert.
Aber.

Es gibt etliche Abers. Es ist ein Familienereignis. Wer weiß, wie oft noch? Du stellst dich außerhalb. Du könntest erst kurz zu ihr, und dann. Sie freut sich doch. Ja? Tut sie das? Wenn ich überlege, in welchen seltenen Situationen ich die Tante sehe, und was wir voneinander wissen, muss ich sagen: Ich zumindest kenne sie nicht. Manchmal staune ich über ihr Engagement, ihre Energie, aber ich weiß so gut wie nichts über ihr Leben. Vor ein paar Jahren hab ich sie viele Dinge gefragt, wollte mehr von ihr kennenlernen, wollte auch ergründen, ob ich ihr wirklich so ähnlich bin, wie meine Mutter immer behauptete, aber es kam als Antwort:  Ach, das ist so lange her, ist doch egal. Lass uns fröhlich sein.

Also: Kenne ich sie? Kennt sie mich? Ich glaube nicht.

Das ist um so bitterer, als dass sie bei einem der letzten Treffen verlauten ließ, dass sie auch gerne so eine „Festschrift“ wie Frau F, eine Kollegin und Freundin meiner Mutter, von mir bekommen würde. Oder wie auch meine ehemalige Ausbilderin. (Beide Texte habe ich aus innerem Antrieb und mit leichtem Herzen geschrieben, es ist geradezu aus mir rausgeflossen, war mir ein inneres Bedürfnis.) Jedenfalls, so sagt die Tante, sei das doch so schön gewesen, das hätte sie auch gerne von mir!

So gehört Mitte Dezember. Seitdem zerbreche ich mir den Kopf, was ich ihr wohl schreiben/vortragen könnte. Und ich merke, außer ein paar wenigen Kindheitserinnerungen ist da – nur Leere. Ich weiß nichts. Oder vielmehr, ich habe keine emotionale Verbindung dazu. Das Wenige, was ich weiß, rührt nichts an in mir, erweckt keine Ideen oder Empfindungen, die ich in Worte kleiden könnte. Ich spreche ihren Bruder an, ihre Schwägerin, Bekannte. Ich bin willig, ihr die Freude zu machen – aber es geht nicht. Ich bekomme nichts zusammen, Versuche ersticken im Keim.

Morgen ist der 90. Geburtstag. Ich werde nicht hingehen, sondern gehe ins Konzert. Ich habe gerade mal eine selbstgebastelte Karte zu Stande gebracht. Um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen? Sicherlich. Und ich schelte mich, dass ich überhaupt ein schlechtes Gewissen habe. Ich habe die Möglichkeiten abgewogen und mich gegen die Feier entschieden. Punkt. Damit sollte es doch gut sein. Ja, aber heißt das nicht, meine eigene Tante ist mir nicht so wichtig wie eine Konzertkarte? Oder muss ich den Mann und die Tante auf die Waage setzen, und schauen, wer mehr wiegt? Da gewinnt der Mann, ganz klar. Aber warum sind mir andere Bekannte wichtiger als die Tante? Weil da ein Austausch stattfindet, Gespräche, keine Einbahnstraßen. Ok. Still jetzt, schlechtes Gewissen.

Doch komme ich jetzt zur eigentlichen Frage: Warum nur kann ich es so schwer aushalten, wenn ich spüre, jemand möchte etwas von mir, stellt eine Anforderung an mich? Zumindest auf privater Ebene ist das so. Wenn das, was ich geben kann, nicht mehr freiwillig von mir kommen darf, bremst mich das anscheinend völlig aus. Oder besser: Ich bremse mich völlig aus, aus Gründen, die sich mir nicht erschließen. Auch Versuche, mich selbst zu überlisten, z.B. einfach so zu tun, als wollte ich der Tante jetzt etwas schreiben, scheitern kläglich.

Wenn es nur um diese eine Situation in meinem Leben gehen würde, geschenkt. Aber es ist ein Muster. Es zieht sich durch. Sobald ich spüre oder noch schlimmer, sobald ich höre, ich sollte doch bitte mal dies oder jenes tun, ist es schon quasi vorbei. Ich blockiere, stemme alle sechs Füße des bockigen Hummelchens in den Sand und verharre. Mit klopfendem Herzen zwar, aber wie angeklebt. Und wenn ich es mal schaffe, doch ein Beinchen in die gewünschte Richtung zu bewegen, kann schon ein Staubkorn, ein Wort, ein komischer Ton mich wieder aufhalten. Starre. Wie eingefroren. Bei entkräfteten Hummeln hilft Zuckerwasser. Bei mir eher nicht. Es muss andere Ursachen haben.

 

 

 

 

 

10 Gedanken zu “Ich hab da mal ne Frage

  1. Schwer zu beantworten, aber gerade weil du herausgestellt hast, dass es dir nur bei mangelndem „Draht“ so geht, mag das auch eine späte Verweigerung des ehemaligen Kindes sein, das früher all die borstigen und stinkenden lieben Onkels und Tanten küssen musste und zu allen lieb sein musste. Das wäre, glaube ich, bei mir die wahrscheinlichste Erklärung, denn so eine gewisse „Warum sollte ich?“-Fragerin bin ich auch. Innere Überzeugung war in dieser Hinsicht ein Luxus, den man einem Kind damals nicht gestattete. Später habe ich mir den genommen und manchem von denen den Rücken gekehrt.

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    1. Wenn ich mit solchen Onkeln und Tanten derart aufgewachsen wäre, wäre das vielleicht eine Erklärung, bin ich aber nicht. Gut, „lieb sein“ war schon immer die Devise 😏 und, wie du treffend schreibst, innere Überzeugung ein nicht gestatteter Luxus.
      Vielleicht mag ich einfach Menschen, denen ich nichts beweisen muss.
      Danke für deinen offenen Kommentar.

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  2. Mit einer Bitte geht auch eine Art Verpflichtung einher, die man nicht kontrollieren kann. Vielleicht widerstrebt dir dieser Zwang, weil du dann nicht mehr Herrin der Lage bist. Jemand anderes versucht quasi deine freie Zeit zu ‚beherrschen‘.
    Das ist aber ins Blaue reingeraten…Das sind zu wenig Infos und ich hab mich im Psychologiestudium auf Kommunikation und Statistik fokussiert. 😅
    Vllt solltest du die Person fragen, die dich am besten kennt. Manchmal erkennen andere eher die eigenen Muster.

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  3. Bei mir hat es bestimmt was mit der Angst vor Kontrollverlust zu tun, warum auch immer ich die so stark hab.
    Richtig aufgefallen ist mir das erst, weil mein jüngstes Kind da so irre Proleme damit hat und dann steht man vor dem irren Wutzwerg und denkt verflixt das bin ja ich. Wenn ich nicht aufpasse, gibt es unerfeuliche Szenen zwischen uns.

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  4. Ja, das Zusammentreffen mit jemandem, der da ähnlich tickt, kann schnell eskalieren. Wie alles, was mir einen Spiegel vorhält, mich denken lässt, nun werde ich als Person angegriffen. Da hab ich noch einiges zu lernen, zum Glück fällt es mir heute schneller auf als noch vor einigen Jahren 😅

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