Der letzte Winterurlaub

Als Kind fuhr ich jedes Jahr mit meinen Eltern in den Winterurlaub. Immer nach Tannheim-Berg in Tirol, in die Pension Weibel. Die Weibels waren wunderbare Leute, sie rund und herzlich, er eher sehnig und wortkarg, aber mit dröhnendem Lachen, sowie ihre drei Kinder, die mir weniger in Erinnerung geblieben sind, vielleicht, weil ich sie aufgrund ihres Dialekts kaum verstand.

Für meine Eltern bedeutete Winterurlaub Skiurlaub, für mich bedeutete es zwei Wochen lang abwechselnd Frittatensuppe in überhitzten Gaststätten oder Brotzeit am Bollerofen der Weibels, wo es, wenn es gut lief, auch schon mal eine ganze Tafel Schokolade auf Brot gab. Und der Geruch des Kuhstalls, direkt vom Haus aus zu erreichen, einer der liebsten Gerüche meiner Kindheit neben dem Duft des Gewächshauses meines Onkels.

Meine Eltern (und alle mitfahrenden Verwandten, wie reisten immer im Pulk) fuhren Abfahrtsski, sämtliche Kinder mussten in der ersten Woche zunächst in die Skischule. Das war meist ganz nett, zum Abschluss gab es ein Rennen und eine Siegerehrung, und es gibt Bilder von mir mit rotglänzenden Wangen und Urkunde.

Später, als die Erwachsenen schon zum Langlauf übergegangen waren, musste ich als einziges verbliebenes Kind noch immer in die Skischule. Der Skilehrer war ein blonder Schönling, der uns einigermaßen freundlich kommandierte und ich, vorpubertär, fühlte mich schon bei seinem Anblick mickrig und klein. Das wuchs sich zum spontanen Wunsch aus, bitte jetzt sofort vom Erdboden zu verschwinden, als er bemerkte, dass sich unter meinen Ski aufgrund der falschen Präparierung mit Langlaufwachs ein Schneepolster ansammelte, das mich wie auf Stelzen laufen ließ, aber keine Chance bot, den Hang herunterzufahren. Ich wurde zu ihm herangewunken, einer meiner Ski (noch am Fuß) senkrecht vor mir in den Schnee und zur Schau gestellt. Nun durften alle ihren Spott und Hohn über mich ergießen.

Das war der letzte Winterurlaub mit meinen Eltern.


 

Beitrag zu den Abc-Etüden bei Christiane. Maximal 300 Worte mit den Begriffen Skiurlaub, mickrig und kommandieren.

Leider hab ich das Bild von mir mit der Urkunde nicht gefunden, dafür das hier:

Tannh.Aug.73 Graffmann_0011

Wie die Erinnerung doch trügt! Frau Weibel ist gar nicht so rund,  Herr Weibel dafür schon 😉

Ich fuhr übrigens die meiste Zeit so Ski:

Tannh.Ostern 75_0020

Sport war noch nie mein Ding, bis heute, und ich würde es jederzeit vorziehen, durch die  Schneelandschaft zu wandern, als dass mir irgendwas unter die Füße geschnallt wird.

Und weil ich mich kaum losreißen kann aus der Erinnerung, noch ein paar Eindrücke:

uraltfotos 3_0024

Meine Oma, immer mit dabei, schippt Schnee.

Und zwei Szenen am Bollerofen: Vorne meine Mutter, hinten eine meine Tanten.

Tannheim Febr.70_0006Tannheim Febr.70_0007

Sowie ein Onkel, sichtlich zufrieden.

Vielleicht hatte so ein Winterurlaub doch was für sich?

 

PS: Bilder übrigens mit freundlicher Genehmigung von Tante Ulla. 😉

 

 

 

 

21 Gedanken zu “Der letzte Winterurlaub

  1. Ach Mensch, was so Erinnerungen alles auslösen können. Ich sitze gerade hier rum und erinnere mich an die Pension, in die meine Eltern und ich immer in Urlaub fuhren und wo wir quasi auch Familienanschluss hatten. Allerdings war es kein Skiurlaub.
    Danke fürs Teilen!!! 😁
    Liebe Grüße
    Christiane, bisschen wehmütig 😉

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    1. Ja, früher fuhren viele immer in die gleiche Pension. Nach unserer Wintersportphase fuhr die ganz Familie jahrelang nach Behringersmühle in der Fränkischen Schweiz. Es hatte etwas Beständiges.
      Grüßle zurück,
      Andrea

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    2. Liebe Andrea,
      als antisportliche Aspergerin hätte ich einen derartigen Urlaub sicher als puren Horror in Erinnerung behalten. Zum Glück ist er mir erspart geblieben. Wie unterschiedlich doch Gefühle und Gewohnheiten sein können! Und wie erfreulich, dass dir diese Form des Urlaubs anscheinend doch überwiegend positiv in Erinnerung geblieben ist!
      Aus dem warmen Zimmer grüßt zufrieden und allein
      Elke.

      Gefällt 2 Personen

      1. Ja, da heilt die Zeit wohl auch die Wunde. Und verklärt vielleicht ein wenig. Schön zu hören, dass es noch andere Unsportler gibt 😄
        Liebe Grüße,
        Andrea

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  2. Eine schöne Erinnerungsreise auf die Du uns da mitgenommen hast! Ich musste gleich an meine Kindheitsreisen in den Harz denken, wo ich mit meiner Cousine Schneehöhlen gebaut habe.
    Liebe Grüße
    Nicole – die sich jetzt auch Schnee wünscht

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  3. vielen Dank für diese schöne Erinnerung! Wir waren auch immer „im Pulk“ – allerdings ist aus mir eine leidenschaftlihe Skifahrerin geworden und ich liebe den Skiurlaub! Eher lasse ich den Sommerurlaub sausen als dass ich auf den Skiurlaub verzichte 🙂 Bei mir kamen auch sofort die Erinnerungen an unsere gemeinsamen Urlaube hoch, mit Onkel und Tante und Freunden und viel Schnee…ich bin sehr dankbar, dass ich diese schönen Kindheitserinnerungen habe!

    Gefällt 1 Person

    1. Und ich dachte immer, unsere Familie sei besonders, dass wir alle zusammen fuhren 🤣🤣
      Mir sind die Sommerferien beim Onkel mit der Gärtnerei eher näher geblieben, aber schön sind solche Erinnerungen allesamt. Vor allem das Gefühl der scheinbar endlos langen Ferien, diese Zeitlosigkeit, das war schön!
      Danke auch dir für deinen Kommentar und noch einen feinen Abend,
      Andrea

      Gefällt 1 Person

      1. du hast mich jetzt getriggert mal nach alten Fotos zu suchen – und auch mal diese Erinnerungen aufzuschreiben. Wir reden zwar manchmal bei Familienfeiern davon, aber es gerät dann irgendwann in Vergessenheit. Danke dafür und liebe Grüße aus dem wilden Süden, Carmen

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  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 04.05.20 | Wortspende von OnlyBatsCanHang | Irgendwas ist immer

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