Zu Besuch in einem fremden Leben

Wir sind zu Besuch in einem fremden Leben.  Schon bei der Ankunft werden wir mit Wohlwollen überschüttet. Wir freuen uns so, dass ihr da seid! Ja, wir freuen uns auch.

Wir machen eine Allradtour durch das Revier, fahren zur Hütte am Forellenteich und verfüttern ein Toastbrot, fahren die Wildkameras ab und an frisch aufgebrochenen Wiesen vorbei. Wir lernen über Wildschaden und wie das funktioniert mit der Jagd, und staunen: Wie schön es hier ist!

Wir werden bekocht und umhegt. Wir sitzen in einer schlichten Holzhütte, weißer Boden und weiße Wände, ein Bett, ein Ofen, ein Regal, ein zweiflammiger Gaskocher, ein schlichter Holztisch, ein Regal. Wasser kommt aus einer großen Ballonkaraffe, Licht von einem Kerzenleuchter. Versteckt in der Ecke gibts ein Campingklo. Der Hund liegt neben der Tür auf einer Decke. Draußen steht ein Tongefäß als Kühlschrank. 

Die Atmosphäre strahlt Ruhe und Einfachheit aus. Die Bilder an der Wand sagen: Hier lebe genau ich. Mein Leben. Nichts Fremdes. 

Zurück in Luisa* fühle ich mich fremd. Das dunkle Holz, die Vorhänge, sie umschließen mich. Nachts huste ich mir die Lunge aus dem Leib, während mein Kopf fast zerspringt. 

Am nächsten Morgen stolpere ich aus dem Wohnmobil. Es ist bitterkalt und die Sonne geht gerade auf. Dick eingemummelt gibt mir meine Kamera ein Gefühl von Sicherheit. Ich laufe mit unseren Gastgebern eine große Hunderunde über die vereisten Felder, vorbei an Rindern, Hochsitzen und gurgelnden Bächen. Wir sehen äsende und spielende Rehe, während es immer heller und sonniger wird. 

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Es folgt ein opulentes Frühstück mit selbstgemachter Wurst, mitgebrachtem Käse und duftendem Kaffee. Gespült wird auf dem benachbarten Hof, am Schlachtraum, in dem ein frisch geschossenes Wildschwein hängt. Ich mache Fotos von seinem blutigen Inneren und berühre die weiche Nase, die ganze Wiesen umpflügen kann. 

Unsere Freunde fahren schon vor zum Forellenteich, während wir noch Tee kochen zum Mitnehmen und dann zu Fuß runterlaufen. In der Hütte ist der Ofen schon an. Auch hier weiße Wände, drei Hocker, ein großes Bild, etwas japanisch anmutende Keramik auf minimalistisch Wandregalen. Draußen wird der Feuerkorb entzündet, dann angelt der Hausherr. Eine kleine und zwei riesige Forellen werden direkt ausgenommen und außen an die Hütte gehängt. Das Herz der kleinen Forelle schlägt unablässig weiter, nachdem es aus dem Fischleib abgetrennt wurde. Die Forelle ohne Innenleben schlägt mit dem Schwanz. Wir trinken heißen Tee am Ofen. Was ihr alles tut für uns! Nein, wir tun nur das, was wir sonst auch hier täten. Ein ganz normaler Tag. 

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Statt des geplanten Mittagsschlafes liege ich im Alkoven und kann die Tränen nicht zurückhalten. Warum nur fühlt es sich für mich so schwer an und bei Anderen scheint alles leicht? Warum zerspringt mir der Kopf und wird es nicht besser? Die Wellen von Selbstmitleid wollen mich wegtragen, doch da guckt ein zerzauster Kopf im Alkoven vorbei und hält mich fest. Wir reden und es wird etwas leichter. 

Später, nach Forellenkaviar und Hauptgericht kommen spontan zwei Jagdkollegen des Gastgebers vorbei. Zu sechst sitzen wir in dem kleinen Holzhaus und trinken und reden und lachen. Vertrautheit durchweht das Haus. 

Wieder in Luisa kann ich nicht schlafen.
Lebe ich mein Leben oder das einer Anderen?

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Wieso erscheint mir mein Leben immer anstrengender und immer weniger befriedigend? 

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Ist das nur der Winterblues, oder sollte ich etwas ändern? 

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Habe ich zu viel von allem, zu viel Besitz, zu viel Verpflichtungen? 

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Oder denke ich zu viel und tue zu wenig? 

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Wie komme ich heraus aus diesem permanenten Gefühl der Überforderung, des Versagens, das nach mir greift?

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Carlos* hätte gesagt: „Nimm es wahr, spüre es, und wenn du meinst, es vernichtet dich, dann stirb. Es ist ganz einfach. Du machst es nur kompliziert.“

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Wie weit weg mir das erscheint, doch war es einmal ganz nah.

 


*Luisa – unser 32 Jahre altes Wohnmobil
*Carlos Company, einer meiner Cranio-Lehrer

 

4 Gedanken zu “Zu Besuch in einem fremden Leben

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