Das Wunder ist, dass es immer noch Licht gibt

Der folgende Text folgt ein wenig dem Format „Mein liebes Tagebuch, heute habe ich…“ , enthält aber nichtsdestotrotz die Themen Tod, Missachtung, Überforderung sowie Alkoholsucht  – Themen, die triggern könnten. Dies nur vorab.

 

Was bisher war

Hab ich erwähnt, dass ich die letzten zwei Wochen nicht arbeiten war? Wegen einer kleinen Finger-OP wurde ich auf einen Schlag zwei Wochen krank geschrieben! Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet und es kam mir vor wie ein Geschenk. Ich habe vorher so viel gearbeitet, dass ich noch nicht mal ein schlechtes Gewissen hatte, sondern mir vornahm, die Zeit zu genießen.

Leider griffen die Viren auch nach mir, und so lag ich Anfang der ersten Woche dann erstmal gründlich platt da.

Freitags hatte ich eine Geburtstagseinladung, die ich auf keinen Fall verpassen wollte. Meine ehemalige Ausbilderin wurde 70 Jahre. Dafür habe ich sogar die schon im Sommer gekauften Konzertkarten für Fink abgegeben. Es war mir einfach wichtig. Und ich wollte die Gelegenheit auch nutzen, mich bei ihr zu bedanken. Womit ich wiederum gar nicht gerechnet hatte: Das Geburtstagskind hat mit Fotos und Erzählungen aus ihren 7 Jahrzehnten ebenfalls liebe und dankbare Worte für die Menschen gefunden, die sie begleitet haben, die ebenfalls eingeladen waren und auch für die, die leider nicht kommen konnten. Und, ja, sie hat auch über mich so liebe Dinge gesagt, dass ich mit roten Ohren dort saß und ein bisschen die Fassung verlor. Hach, es war ein schöner Abend, auch einige meiner ehemaligen Kolleginnen wiederzusehen, mit ihnen zu lachen, das tat richtig gut.

Bämm

Die Ernüchterung folgte dann, wie so oft, auf dem Fuß. Am Samstag erreichten mich über Umwege Nachrichten aus dem Büro. Von meinen drei Kolleginnen war eine zeitgleich mit mir für 4 Wochen krankgeschrieben worden, die zweite war im Krankenhaus. So wurde aus einem Viererteam kurzerhand eine Ein-Frau-Performance. Und zu allem Überfluss hat eine Kollegin dann auch noch gekündigt zu Ende Dezember. Mir wurde ganz schlecht. Während ich also bereits halbwegs genesen zu Hause saß, schuftete unsere jüngste Mitarbeiterin alleine vor sich hin. Und das bei dem gegenwärtigen Pensum, das ist „eigentlich“ nicht zu schaffen. Mein erster Impuls „Dann geh ich halt Montag arbeiten“ wurde von meinem Mann niedergeknüppelt. Und so langsam setzte dann auch die Erkenntnis ein: Wenn sie dich nicht fragen, dir das auch nicht erzählen, warum solltest du dich also aufdrängen? Also beschloss ich, diese Nachrichten in meinem Kopf ganz weit nach hinten zu schieben (was aber auch nicht so recht klappen wollte) und mir eine schöne Woche zu machen. Die Woche noch irgendwie sinnvoll für mich zu nutzen, zu lesen, mich auszuruhen, Dinge zu tun, für die ich sonst keine Zeit habe.

Den ganzen Montag hab ich dann überlegt und mir am Dienstag, tädääää, einen Keramikbrennofen gekauft! Damit geht ein großer Wunsch für mich in Erfüllung, mein eigenes, unabhäniges kleines Studio, wo ich so oft brennen kann, wie ich will. Wo ich experimentieren kann. Jippieh!

Leider wurde zeitgleich mit der Lieferung des Brennofens der Lieblingsmann krank, aber so richtig. Also pendelte ich zwischen Brennofen und Lazarett hin und her, und die Sorge um den einen nahm mir ein wenig die reine Freude am anderen, was aber ja nachzuholen ist. Hoffe ich zumindest.

Und dann kam am Mittwoch noch eine Nachricht, die mich richtig aus der Bahn warf: Meine ehemalige Cheffin (nicht meine Ausbilderin von oben, aber dennoch jemand, dem ich sehr viel verdanke) ist verstorben. Mit 61 Jahren! Und, was auch schwer wog: Nicht mein Büro informierte mich, sondern meine ehemaligen Kolleginnen!

Was läuft schief?

So sitze ich hier seit ein paar Tagen und frage mich, was eigentlich alles schief läuft. Wieso so wenig Kommunikation stattfindet, wieso unser Umgang das Gegenteil von liebevoll ist. Wo und für wen ich da überhaupt arbeite. Und wo mein Leben bleibt in diesem lebensfeindlichen Umfeld (das einmal mehr einen Menschen dazu gebraucht hat, sein Leben an Jonny Walker und seine Freunde zu überschreiben).

Meine eigene Tendenz ist immer wieder: Ich weiß, dass jetzt ein Menge Arbeit ansteht, was Überstünden bedeutet, und dass mein Urlaub um Weihnachten herum wahrscheinlich flach fällt. Also cancle ich schon vorsorglich alle Termine, die mir zusätzlich Zeit rauben, weil ich weiß: Nach 10 oder 11 Stunden Arbeit und schlechtestensfalls zwei Stunden Fahrt hab ich keinen Bock mehr auf irgendetwas. Und obwohl ich spüre, dass das vermutlich falsch ist, weil ich mir damit auch die Möglichkeit nehme, Abstand von der Arbeit zu bekommen, neue Dinge in den Kopf zu kriegen, ist es wie ein Reflex, der da abläuft.

Die Weihnachtsbotschaft

Gestern Abend war ich mit einer Freundin bei einer Vor-Adventsveranstaltung mit Musik und Texten. Es war eine Einladung, ein Geschenk. Innerlich zuckte ich zusammen, als mir klar wurde, dass es um die Adventszeit und die Weihnachtszeit geht. Hab ich doch noch vor ein paar Tagen gesagt: „Weißt du, Weihnachten bedeutet mir überhaupt nichts. Ich verbinde damit nichts. Die Botschaft „Siehe, der Heiland ist uns geboren“ ist mir fremd. Ich habe keine Ahnung, wie wir diese Tage für uns gut verbringen könnten, wie sie sich von anderen Tagen unterscheiden könnten, ohne dass es mir verlogen vorkommt oder falsch.“

Und doch wurde mir gestern klar: Die Weihnachtsbotschaft soll vermutlich sagen: Es gibt Hoffnung. Oder, wie Christina Brudereck von 2Flügel gestern sagte:

Das Wunder ist, dass es immer noch Licht gibt.

Deshalb habe ich heute Tannengrün besorgt und meinem Vater und uns jeweils ein Adventsgesteck gemacht. Deshalb schaue ich heute die Sonne an, wie sie sich durch die Wolken zwängt, und genieße es, im Warmen zu sitzen, von feinem Sonnenglanz beschienen. Es gibt noch Licht. Auch wenn es wie ein Wunder erscheint, es gibt immer noch Licht.

„Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, dann hat sein Leben einen Sinn gehabt.“ hat Alfred Delp gesagt, (Jesuit, der mit 37 Jahren 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde).

Der Mensch wächst ja auch mit seinen Aufgaben, und das Licht suchen und weitergeben, das ist doch eine schöne Aufgabe!

 

 

 

14 Gedanken zu “Das Wunder ist, dass es immer noch Licht gibt

    1. Hab ich ja. Montag muss ich wieder, ganz regulär, und das ist auch in Ordnung.
      Mit dem Dank ist das so eine Sache, da ich ihn tatsächlich zwischendurch bekomme. Ich weiß, dass ich mich davon nicht abhängig machen darf. Und frage mich auch, ob er nur eintrudelt, weil ich ansonsten unausstehlich bin 🙂
      PS:
      Frage mich die ganze Zeit, wenn das die kurze Fassung deines Kommentars war, wie wohl die lang Fassung aussehen würde.
      LG

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  1. Es gibt so viele Möglichkeiten „Licht“ zu suchen und zu empfinden, da muss es nicht religiös heissen, um einfach nur menschlich zu sein, das geht mir mit dieser Jahreszeit, in der ich bei so manchen schwülstigen Auswüchsen recht widerspenstig werde, nicht anders.

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    1. Widerspenstig, ja das trifft das Gefühl, welches ich auch zuweilen in dieser Zeit entwickel, wenn mir alles zu viel wird. Aber diese Zeit als eine Erinnerung an das zu sehen, was mir wichtig ist, ein Anstoß, es wieder und wieder zu versuchen, das gefällt mir sehr.

      Gefällt 1 Person

  2. Licht suchen und weitergeben ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die man auch völlig ohne Brimborium durchführen kann.
    Leider können viele Menschen nicht ohne Pathetik.
    Schöner Satz, mit dem Wunder und dem Licht.
    Liebe Grüße
    Christiane 😁❤️👍

    Gefällt 3 Personen

  3. Ich schließe daraus, du hast es nicht so mit Brimborium? Ich finde ein bisschen Pathos ja immer ganz schön 🙂
    Das Lob für den Satz geb ich gerne weiter an Christina Brudereck.
    Und, der Mensch wächst ja an seinen Aufgaben, heißt es. Also mach ich mich mal auf die Suche. Das lenkt mich auch davon ab, meine eigene Situation zu sehr im Fokus zu haben.
    Liebe Grüße aus dem Pott 😉

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  4. Liebe Hummel,
    diese Hoffnung – oder dieses Licht – das ist für mich seit langem die Weihnachtsbostschaft. Und die Advents- und Weihnachtszeit lädt mich dazu ein, darüber nachzudenken
    – wann beides verloren geht,
    – was mein Anteil daran ist,
    – wie ich das Licht erhalten kann – und wenn es nur ein Funke ist,
    – wie kann ich meine Hoffnung erhalten
    – und vor allem: Wie kann ich Licht und Hoffnung mit anderen teilen.
    Herzlich
    Judith

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    1. Sehr schön zusammengefasst hast du das! Wenn ich sowas habe wie einen Vorsatz fürs neue Jahr, dann ist es sicherlich, dieses Licht in mir immer wieder zu ent-decken und so ein wenig auch nach außen zu tragen.
      LG

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