Ich geh mit meiner Laterne – Beitrag zu den abc-Etüden

„Mama, kannst du mir beim Ausreisen helfen?“ Unschuldig fragend schauen die blauen Kinderaugen mich an, während ich mich fast am heißen Tee verschlucke.

„Bei WAS?“

„Wir müssen so ein Projekt in der Schule machen, nur aus recycelbaren Materialien, und ich dachte, du kannst mir helfen.“

Oh, ich darf dem Kind helfen, welch unerwartetes Vertrauen. Ich reiße mich zusammen.

„Ja, schon, aber warum willst du dazu ausreisen?“

„AUSREISSEN!“

Ach so, ich entspanne mich, allerdings nur kurzfristig.

„Ich wollte eine Martinslaterne basteln, und dachte, ich nehm das Heft von dir, da wo die bunten Himmel drin sind, und mach damit die Laternenfenster.“

„Kind, du willst MEINE Zeitschrift zerrupfen? Meine teure Fotozeitschrift? Und die bunten Himmel nennt man Himmelsleuchten.“ Du solltest lieber darin lesen, das bildet nämlich – Letztes denke ich nur. Sonst gibt’s hier noch Tote.

„Boa, Mama, du bist so gemein! Nie darf ich was!“

Langsam stelle ich die Teetasse vor mir auf den Tisch ab. Das hier kann länger dauern. Wie komm ich aus der Nummer wieder raus? Ich versuche es mit Ablenkung.

„Und wo willst du die Bilder draufkleben, weißt du das auch schon?“

Anna nickt begeistert und rennt aus dem Zimmer. Eine halbe Minute später stürmt sie wieder rein, in der Hand einen kaputten 5 Liter-Eimer, in dessen Seitenwänden sich bereits große Löcher befinden.

„Hat Papa gemacht, mit dem Kuttermesser.“ Cuttermesser. Mist. Die Familie steht vereint gegen mich. Alles ist schon vorbereitet. Als Stock soll die ausrangierte Gardinenstange vom kleinen Badezimmerfenster dienen, die Drahtschlaufe aus einem alten Reinigungskleiderbügel ist auch schon gebogen. Fehlt nur noch das Himmelsleuchten. MEIN Himmelsleuchten. Auf Hochglanzpapier.

Ich trinke noch einen Schluck Tee. Schlucke mein Entsetzen runter und höre mich sagen: „Ok, komm, dann hol mal eine Schere, wir trennen die schönen Seiten vorsichtig raus, ich helfe dir.“


 

Gesendet an die Abc-Etüden, wie immer  hier bei Christiane  nachzulesen, 3 Begriffe, maximal 300 Wörter. Die Worte stammten dieses Mal vom Blog „Meine literarische Visitenkarte“ und lauten: Himmelsleuchten, recycelbar, ausreisen.


 

Und, ja, ich weiß, es ist kein großer Wurf. Ich stehe vor dem Dilemma: Abwarten? Und sehen, ob mir was Besseres einfällt? Oder einfach mitmachen? Wie ihr seht, habe ich mich für mitmachen entschieden, obwohl der Text etwas banal ist. Aber es gibt sie ja, diese ständig nuschelnden Kinder. Und ich hänge an vielen meiner Zeitschriften, mir ist aber eingefallen, dass ich als Kind kein Problem damit hatte, selbst wunderbare Foto-Hochglanzbücher, z. B. eins über Wale, für ein Referat in der Schule zu zerschnippeln. Heute hätte ich sicher noch Freude an dem schönen Buch.

Ich wünsche allen einen schönen Sonntag!

11 Gedanken zu “Ich geh mit meiner Laterne – Beitrag zu den abc-Etüden

  1. Ich kann dich soooo gut verstehen! Aber sind denn Hochglanzzeitschriften überhaupt lichtdurchlässig genug, damit sie schön leuchten? Auf jeden Fall war es bestimmt eine prachtvolle Laterne! 😁👍
    Liebe Grüße
    Christiane 😁😺☀️🍁

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  2. Der Trick mit den Verhör-, Hinterfrage und Korrekturversionen für die sperrigen Wortaufgaben ist ziemlich clever gelöst!
    Als Kind bin ich gern Laterne-gegangen, wegen der hübschen gekauften, zusammenfaltbaren Laternen aus Papier und Draht, die nach den Laterneabendspaziergängen weggepackt und wiederverwendet wurden wie man das auch mit Christbaumschmuck machte, es sei denn sie sind aufregenderweise in Flammen aufgegangen.
    Das Laternenbastelnmüssen meiner Kinder in ihrer Kindergartenzeit fand ich immer sehr stressig – danke für den dazu so passenden Beitrag!

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    1. Ich fand das auch immer sehr aufregend als Kind, schließlich hatten wir noch echte Kerze in den Laternen. Und dann erst das große Martinsfeuer! Vielleicht erinnern mich die bunten, sonnenbeschienen Blätter im Herbst auch immer ein wenig an die leuchtenden Laternen…

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      1. Unter Aufsicht echte Kerzen hüten zu lernen war eigentlich schon eine sinnvolle Sache, finde ich, damals, als man noch in beinah jedem Haushalt, den ich kannte, früher oder später mit offenen Flammen von Ofen und Herd zu tun bekam.

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  3. Gestern gerade war ich Laterne laufen, auf Wunsch der Kita mit so einem Batteriestock.
    Nie wieder!
    Vom schlecht recycelbaren Plastikschrott mal abgesehen: Die Kinder gingen nachlässig mit ihren Laternen um, schleiften sie auf dem Boden,kreischten rum, jagten sich damit …
    Das mach mal mit einer Kerze drin, das lehrt Achtsamkeit und bis jetzt hat jedes meiner Kindermindestens eine Laterne abgefackelt und es hat sie stets beeindruckt, Feuer brennt WIRKLICH, eine Lektion die nicht zu verachten ist und derer sie sich später mit Streichholz und Feuerzeug in der Hand durchaus erinnerten.

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