Erinnerung – oder: Warum man mich besser nicht weckt

Ich liege in meinem Klappbett. Mein Kinderimmer ist nicht klein, doch so ein Klappbett ist praktisch und macht es tagsüber noch ein weniger größer. Ich liebe mein Klappbett (und ein Klappbett hat mich bis zur ersten eigenen Wohnung begleitet). Wenn ich es ausklappe, kommen Poster aus der Bravo zutage, die ich von meiner Freundin abgestaubt habe, denn ich würde mich nie trauen, eine Bravo zu wollen oder zu kaufen, und am Kopfende hängt meine Marienkäfer-Spieluhr. Mein Bett ist meine Burg. Und doch, wenn meine Mutter nach dem Gute-Nacht-Sagen geht, muss sie meine Zimmertür einen Spalt offen lassen, denn völlig im Dunkeln mag ich hier nicht liegen. Es ist schön, den Lichtschein zu sehen, Geräusche zu hören und zu wissen, da draußen ist noch jemand. Dann kann ich beruhigt schlafen.

Ich werde größer, und es kommt vor, dass ich nachts ein paar Stunden alleine bin. Ich weiß, wo meine Eltern sind, es liegt immer eine Telefonnummer am Telefon im Flur bereit. Aber wenn ich nachts wach werde, ist es dunkel. Keine Geräusche. Oder doch? Ich lausche angestrengt in die Nacht hinein. Hat da nicht etwas geknackt? Und wenn jetzt jemand Fremdes in der Wohnung ist? Mir stehen die Haare buchstäblich zu Berge, mein Herz schlägt wie verrückt, aber ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. Ich erstarre, alle Sinne nach außen gerichtet, aufs Äußerste gespannt. Ich rede mir ein, dass schon alles gut ist, ich kneife die Augen zusammen und ziehe die Decke ein Stück höher. Ganz schön warm hier im Bett. Doch die Gedanken routieren: Was mache ich, wenn jetzt jemand reinkommt? Ich sollte laut schreien oder mit etwas werfen. Aber dazu habe ich viel zu viel Angst. Ich werde mich einfach tot stellen, so tun, als würde ich so tief schlafen, dass mich niemand wach bekommt, dann bin ich bestimmt uninteressant für jeden Einbrecher. Dann lassen sie mich in Ruhe. Also stelle ich mich schlafend. Und schlafe – irgendwann – erschöpft wieder ein.

Mich zu wecken war und ist auch heute noch keine gute Idee. (Gut, der Wecker macht es fast jeden Morgen, aber den interessiert auch nicht, wie ich dann reagiere.) Ich habe nie verstanden, wie meine Freundin, wenn sie alleine war und Angst hatte, mit einem Küchenmesser bewaffnet durch die Wohnung laufen konnte. Das hätte ich niemals gewagt, die Vorstellung macht mir sogar heute noch Angst. Allein aus Sorge um die Katzen bin ich bereit, nachts aufzustehen und durch die Wohnung zu laufen, und manchmal auch in den Garten. Was bestimmt ein seltsamer Anblick ist, wenn ich verwuschelt und im Nachtgepolter mit weit aufgerissenen Augen mitten im Garten stehend nach den Katern rufe oder fremde „Rowdies“ verklatsche. Todesmutig.

 

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3 Gedanken zu “Erinnerung – oder: Warum man mich besser nicht weckt

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