Im Büro

„So variabel müssen Sie heutzutage schon sein, Flexibilität heißt das Zauberwort, Frau Müller, das wissen Sie doch, oder?“

Sie ballte die Faust in der Tasche und zwang sich zu einem nickenden Achselzucken. Mehr ging nicht.

Das war ja wie in einem schlechten Roman hier. Gleich würde er sicher noch damit drohen, sie ansonsten zu entlassen.

„Und Ihnen ist schon klar, wer sich nicht anpasst, der muss gehen. Es gibt genügend junge Menschen, die ihren Arbeitsplatz besetzen könnten.“

So, da war er also, der Satz. Sie gehörte zum alten Eisen, mit 55 Jahren Lebens- und 31 Jahren Berufserfahrung. Und nur, weil sie nicht im Schichtdienst im Büro arbeiten wollte. Immer erreichbar für Kunden und Klienten, rund um die Uhr. Es war zum Kotzen.

Schnell riss sie sich zusammen und lachte ihren Chef an: „Ach ja, Sie erinnern sich vielleicht, ich hatte dieses Jahr noch keinen Urlaub. Und ich möchte Ihnen das gerne geben.“ Sie reichte ihm einen unterzeichneten Bogen Papier über den Tisch. „Meine Kündigung. Wenn Sie mir den Erhalt hier bitte bestätigen wollen? Danke. Muss ja alles korrekt sein. Abzüglich des mir noch zustehenden Urlaubs bin ich dann noch etwa 15 Arbeitstage hier. Sie sind ja variable, da ist das sicherlich kein Problem für Sie. Schönen Tag noch!“

„Ihnen auch, Frau Müller!“
Er ließ sich nichts anmerken. Darin war er gut.
Nur noch drei Wochen. Das würde sie auch noch schaffen.

 


 

Ein Beitrag für die die abc.etüden bei Christiane, mit den Worten Roman, variabel und entlassen, gespendet von Alice vom Blog Make a Choice Alice

 

 

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12 Gedanken zu “Im Büro

  1. ein cooler Abgang
    Schichtdienst ist anstrengend und als am anstrengendsten empfinde ich dauernd angfrufen werden, könnte ich vielleicht spontan eine Spätschicht machen oder morgen einen Frühdienst, oder Samstag die Nacht.
    Ich darf nein sagen kein Problem, überlege aber doch jedes Mal, denn ich weiß ja dass sie nicht aus Langeweile anrufen …
    So habe ich mir bei einer Viertelstelle 400 Überstunden erarbeitet

    Gefällt 1 Person

  2. Flexibilität ist in der Arbeitswelt auch so ein Unwort oder? Klingt so danach, dass der Arbeitnehmer profitiert, aber meist ist es doch der Arbeitgeber. In deinem Fall kann der Arbeitgeber gleich mal testen, wie positiv Flexibilität ist. 😉
    Grüße, Katharina

    Gefällt 3 Personen

    1. Soziale Verantwortung, das hab ich ja schon lange nicht mehr gehört… Überhaupt Verantwortung, das ist ein schwieriges Thema. Wer trägt Verantwortung für was in so einem Bürogefüge? Damit beschäftige ich mich gerade. Und finde noch keine eindeutigen Antworten. Und bestimmt keine sozialverträglichen ;-)))
      Lieber Gruß,
      Hummel

      Liken

  3. Pingback: Schreibeinladung für die Textwoche 40.19 | Extraetüden | Irgendwas ist immer

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