Der Vater im Krankenhaus

Der Vater ist im Krankenhaus. Es kommt mir vor wie eine Verzweiflungstat, wenn er – mal wieder – den Ärzten zu erklären versucht, dass ihm die Beine immer noch schmerzen (Durchblutungsstörungen), und sich bereitwillig erneut unters Messer legt. Er will keine Schmerzen mehr haben, entweder sollen die ihn reparieren, oder er stirbt halt während der OP. „So ist das ja kein Leben.“

Ich bin da sehr ambivalent. Einerseits kann ich – natürlich – nachvollziehen, dass ständige Schmerzen sehr zermürbend und eine große Belastung sind. Dazu kommt die eingeschränkte Mobilität.

Allerdings sehe ich auch, dass mein Vater ein absolut uneinsichtiger Patient ist (s. auch Der Vater beim Arzt und Der Vater auf Opium). Er raucht seit etwa 2 Jahren wieder, jedenfalls seitdem der Nachbar meinte, er könne doch seine Schmerzen mit Cannabis bekämpfen, er bewegt sich maximal vom Sofa ins Auto und vom Auto aufs Sofa oder von einem der drei Fernseher zum anderen. Und das Fatalste in meinen Augen: Alles, was ihm vorgeschlagen wird, und nicht innerhalb von 3 Tagen eklatante Besserung bringt, ist Humbug. Aber alles wird ausprobiert, die Kassenleistungen bis zum Letzten ausgepresst. („Zuzahlen, soweit kommt es noch!“)

Ja, dann soll er sich doch seinen Schmerzen hingeben und sie pflegen, denk ich dann manchmal. Vielleicht hat er nicht mehr viel mehr als die. Vielleicht hat er einfach nicht mehr die Kraft, seine Träume zu verwirklichen, und da kommen die Schmerzen ganz recht?

Jetzt jedenfalls werde ich ihn besuchen. Es wird kein langer Besuch werden, das weiß ich schon, erst die gewünschten Bananen übergeben und dann „So, danke Tochter, dann mach jetzt mal, dass du wieder fortkommst“. So oder ähnlich werde ich stets hinauskomplementiert. Ich bin eben nicht der richtige Ansprechpartner für den 81 Jahre alten ungeduldigen Herrn, der mein Vater ist.

 


 

Dies als Beitrag zu den Abc-Etüden bei Christiane, denn die Sommerpause ist nun, juchhu, endlich vorbei! Ihr könnt dort alles nachlesen über dieses Projekt und die fleißigen Wortspender, diesmal sogar vom Begründer der Etüden, Ludwig Zeidler.

Ich habe gemerkt, dass die Etüden mir tatsächlich fehlen können! So ein kleiner Gedankenanstupser dann und wann tut doch ganz gut.

Ich wünsche allen ein wunderbares Wochenende,
die Hummel

 

8 Gedanken zu “Der Vater im Krankenhaus

  1. Früher hieß es: „stell dich nicht so an“ oder „Schmerzen muss man ertragen können“. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Heute muss ein Kranker das nicht hinnehmen. Aber man muss halt auch ein wenig Vertrauen haben, dass die Maßnahmen auch ihre Zeit brauchen, bis sie anschlagen.
    Aber wir Männer sind was Schmerzen angeht und schnelle Wirkung empfindlicher und ungeduldiger als Frauen.

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  2. Eine schöne, persönliche Geschichte, sowas gefällt mir. Wenn ich mir dein Erleben auch als belastend vorstelle. Daneben zu stehen, Vieles anders machen mögen und nicht können, das habe ich selbst auch schon erlebt. Schade, wenn es dann noch der eigene Vater ist. Akzeptanz hilft sicherlich, führt aber nicht zu Zufriedenheit mit der Situation.

    Danke für diesen Einblick im Rahmen der Etüden!
    Liebe Grüße
    die Hoffende

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  3. Wie Werner – ich habe das bei Männern auch schon oft erlebt, dass sie viel uneinsichtiger und viel ängstlicher (d. h. ohne Zutrauen und daher ohne Geduld) waren. Das ist oft eine schwere Belastung für alle.
    Manchmal frage ich mich, wie ich in dem Alter drauf sein werde.
    Danke für den persönlichen Einblick! 👍
    Liebe Grüße
    Christiane 😁😺👍❤️

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    1. Ich hab das so als „Männerding“ noch nie betrachtet… vielleicht habt ihr ja recht. Und ich möchte lieber gar nicht wissen, wie wir so im Alter drauf sind. Obwohl, WIR sind doch abgeklärt, oder etwa nicht? ;-))))
      Liebe Grüße,
      Hummel

      Gefällt 1 Person

  4. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 38.39.19 | Wortspende von Make a choice Alice | Irgendwas ist immer

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