Extraetüde im Juni 2019

 

Leise murmelte er etwas, doch sie konnte es nicht verstehen.

Sie saß an seinem Bett und neigte ihren Kopf ganz nah an seinen Mund. Seine Augen schimmerten trüb, aber seine dürre Hand umklammerte ihr Handgelenk fast schmerzhaft fest.

„Heute passiert es. Es ist unabwendbar.“

Sie schluckte und hatte das Gefühl, dass die Wände auf sie zufielen, sich ihre Wahrnehmung verengte und ganz auf ihn gerichtet war. Gleichzeitig klopfte ihr Herz wie wild. Sollte es das gewesen sein? Würde er so gehen?

Er hustete schwach, während ihr Kloß im Hals immer dicker wurde. Selbst jetzt in jedem Satz nur drei Worte. König der Drei-Wort-Sätze, so hatten ihn alle genannt. Komm hier her! Gib mir das! Hol mir dies! Mach das so!

„Ich werde sterben.“

Sie nickte, unfähig, auch nur ein Wort herauszubekommen.
Was sollte sie tun? Konnte sie etwas tun? Sie war so unsicher, obwohl sie sich die Szene tausendmal vorgestellt hatte. Aber das hier, das war keine Vorstellung, das war real.

Plötzlich wandte er sich ab, blickte mit gr0ßen Augen an ihr vorbei an die Wand – und tat seinen letzten Atemzug.

Zurück blieb nur das Ungesagte zwischen ihnen, all die Worte, auf die sie gewartet und die er nie gesagt hatte. Vielleicht, weil sie nicht in seine Drei-Wort-Sätze hineingepasst hätten. Vielleicht waren sie ihm aber auch einfach nicht eingefallen.

Sie zündete eine Kerze an, zog die Rollos im Zimmer runter, so dass es in diffuses Licht getaucht wurde, und betrachtete ihn lange. Dann rief sie das Beerdigungsunternehmen an.

Am nächsten Tag holte sie die Kinder von den Großeltern ab. Hannah lief ihr entgegen, die roten Wangen leuchteten wie zwei Äpfelchen, als sie ihr das Einmachglas entgegenhielt.

„Schau, Mama, der war gestern ganz plötzlich in Omas Garten! Ich habe ihn eingefangen, es ging ganz einfach! Es ist ein Froschkönig, guck doch! Ein König, wie Opa Peter! “

Und tatsächlich, der Frosch hatte auf seinem Kopf eine kleine goldene Krone. Oh je, der arme Kerl, dem müssen wir helfen! Schnell lud sie die Kinder ein, dankte ihren Schwiegereltern und fuhr mit Sack und Pack und Frosch zum Tierarzt. Bestimmt hatten Kinder den kleinen Kerl schmücken wollen, und jetzt war die Krone eingewachsen. Vielleicht entzündet.

Doch der Tierarzt schüttelte nur irritierend oft den Kopf. Schließlich wollte er den Frosch in der Praxis behalten und sie musste den Kindern versprechen, am nächsten Tag dort anzurufen und sich nach ihm zu erkundigen. Auch das noch!

Die Geschichte, die ihr der Tierarzt dann auftischte, klang nach Ausrede. Irgendwas von körpereigenem Gewebe, das die Krone gebildet hatte, und dass man das zwar entfernt hatte, aber nicht sicher sei, ob es nicht nachwachse. Und dass der Frosch leider ausgerissen sei über Nacht, jedenfalls sei er nicht mehr aufzufinden in der Praxis.

Für Hannah war klar, dass der Froschkönig und der König der Drei-Wort-Sätze zusammengehörten. Und dass sie nun beisammen wären. Es tröstete sie irgendwie, verzauberte den Tod des Opas.

Auch für sie machte es das Ende sanfter. Als könne sie nun dem König seine Krone lassen.

 


 

Mein Dank geht an Christianes Scheibeinladung und den langen Juni. Denn 499 Worte hab ich gebraucht, unbedingt! Zum ersten Mal hätte die Etüde auch noch viel länger werden können… So aber ohne Abweichung von den Regeln 😉

Ich habe gerade das Buch von Petra Anwar (mit John von Büffel) „Was am Ende wichtig ist, Geschichten vom Sterben“ ausgelesen. Dabei kamen mir – natürlich – auch die Tode wieder ins Gedächtnis, die ich bisher miterlebt habe.

Und gestern war ein Frosch an unserem Miniteich. Aber eben nur gestern, er war wohl nur auf der Durchreise.

Zusammen ist daraus die obige Geschichte geworden.

Und ich glaub heute noch, dass der Schmetterling im Krankenhausflur vor der Intensivstation ein Gruß von Mark war!

 

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10 Gedanken zu “Extraetüde im Juni 2019

    1. Es war wohl einfach seine Eigenheit, dass er kein Freund vieler Worte war. Und vielleicht hätte sie gerne etwas Nettes gehört, eben das, was Töchter gerne von ihren Vätern hören möchten, dass sie geliebt werden, dass sie richtig so sind, wie sie sind. Aber das passte wohl nicht in drei Worte.

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