Wahrnehmen mit allen Sinnen

„Was geschieht eigentlich mit uns, wenn wir uns daran gewöhnen, statt der Welt nur mehr Bilder von der Welt zu betrachten und diese für die Welt zu halten?“

Diese Frage habe ich letzte Tage im Blog von Gerda Kazakou hier gelesen.

Und es ist eine wirklich interessante Frage. Viel ist mir durch den Kopf gegangen danach, und ich versuche es mal zusammenzufassen:

Fotos zeigen eben nur einen kleinen Ausschnitt dessen, was der Fotograf wahrgenommen hat.  Vorausgesetzt, er nimmt etwas wahr.  Denn dann wird er versuchen, das Gesehene auch bildlich darzustellen, umzusetzen, vielleicht durch Schärfe und Unschärfe, durch Licht und Schatten, durch Linien, durch den Ausschnitt etc. Durch die Bildgestaltung eben. Er wird seine Gestaltungsmöglichkeiten einsetzen und damit der bloßen zweidimensionalen Abbildung etwas hinzufügen, nämlich seine Art, die Welt zu sehen. Jedes Foto hat dann eine Emotion, und eine Absicht (und wenn es ist, möglichst offen und absichtslos zu sein 😉 ). Die gleiche Blume wird je nach Absicht immer anders erscheinen, flach von oben, von unten gegen den Himmel, als Gegenlichtaufnahme oder verborgen in fast dunkler Umgebung. Mit Tele oder mit Makro fotografiert. Zeige ich Fotos nur im www oder drucke ich sie aus? Und wenn ja, wie? Auf weichem, saugenden Papier oder in Hochglanz? Es gibt unendlich viele Möglichkeiten der Darstellung einer einzigen Blume.  Welche ist wahr?

Allerdings scheint es eine Art Trend zu geben, das Fotografierte möglichst hübsch und gefällig zu präsentieren. Wenn ich nur lese, wie viele Programme es allein für IPhone-Fotos gibt, um sie mit einem Dreh von „mittelmäßig“ in „großartig“ und damit angeblich präsentierbar zu verwandeln… Frei nach Pipi Langstrumpf: Wir machen uns die Welt, widdewidde wie sie uns gefällt. Aber wenn das ist Absicht des Fotografen ist, dann ist es halt so. Nur sollte ich als Betrachter eines Bildes das mit einberechnen, dass dieses Bild eben nur einen Ausschnitt zeigt und eine Absicht hat. Und dass vielleicht am anderen Ende des Strandes mit wundervollem Sonnenuntergang ein Containerschiff sein Öl ins Meer ablässt. Oder der Fotograf mit einem Bein in einer stinkenden fauligen Brühe stand, während er dieses tolle Szene-Foto gemacht hat.

Der Sinneseindruck eines Fotos ist beschränkt auf unseren Sehsinn (und manchmal noch auf die Haptik des Fotos). Wir hören ein Foto nicht, wir riechen ein Foto nicht, wir schmecken ein Foto nicht, und wenn doch, dann ist es eine reine Erinnerungsleistung unseres Gehirns. Manche Bilder rufen unsere Erinnerungen wach, etwas klingelt leise oder auch mal laut in uns. Klingt an. Geht in Resonanz. Genau das finde ich spannend an Fotos.

Wenn wir nun durch das ständige Betrachten von Bildern unseren Sehsinn so überproportional beanspruchen, scheint es mir besonders wichtig, auch unsere übrigen Sinne zwecks Schaffung und Speicherung von Erinnerungen immer wieder zu benutzen, ihnen Nahrung zu verschaffen durch Erlebnisse.

Vielleicht hat „der Fotograf“ es da noch leichter als „der Betrachter“, denn „der Fotograf“ geht physisch hinaus in die Welt, z.B. als Fotojournalist oder Naturfotograf, während „der Betrachter“ die Welt nur vermeintlich zu sich heranholt, sie aber nur sehr beschränkt, ausschnittsweise und absichtsgesteuert über einen einzigen Sinn erlebt. Und physisch in völlig anderer Umgebung ist. Oder in Ausstellungsräumen, die so gestaltet sind, dass möglichst nichts vom Bild ablenkt.

Das Bemerken dieses vielen Bildbetrachtens erscheint mir als der erste Schritt.Das Überprüfen der eigenen Reaktion auf die Bilder kann der zweite Schritt sein:Warum langweilt mich ein Bild? Warum ärgert es mich?

Vielleicht hat mein eigenes Erleben keine Nahrung mehr, um mit einem Bild zu kommunizieren? Dann vergeht mir die Lust auf Bildbetrachtung, dann ruft alles in mir: Hinaus! An die Luft! Die Elemente spüren, wahrnehmen mit allen Sinnen.

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Wahrnehmen mit allen Sinnen

  1. Über deine Resonnanz habe ich mich grad sehr gefreut, danke. Viele wichtige Aspekte benennst du. Der wichtigste in dem Kontext scheint mir tatsächlich der zu sein: „Das Bemerken dieses vielen Bildbetrachtens erscheint mir als der erste Schritt“. Also sich Bewusstmachen, was mit einem geschieht, wenn man stundenlang Bilder ansieht bzw an den Augen vorbeihuschen lässt.
    Was dann jeder verkraften kann und für sich entscheidet, ist der zweite Schritt.

    Gefällt 2 Personen

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