Hach, noch schnell ne Etüde…

Angewidert wandte sie sich ab. Dennoch, im Augenwinkel sah sie es. Schon wieder biss er in die Kartoffel, aufgespießt auf seiner Gabel, nachdem er sie durch die Soße gezogen hatte. Wie sie das hasste! Und dabei redete er unaufhörlich. Es war ihr ein Rätsel, wie er in der Geschwindigkeit gleichzeitig reden und essen konnte. Sie, ihre Reaktion, der Anlass ihres Treffens, all das schien ihm völlig egal, selbstgefällig schwafelte er vor sich hin, wie viel und hart er arbeite, über seine konsequente Art der Personalführung, dass sich alle bei ihm wohl fühlten, und so weiter und so weiter. Außer den vielen Worten strömte ein fader Soßengeruch aus seinem Mund.

Eine leichte Übelkeit stieg in ihr auf. Sie hatte nur eine Currysuppe bestellt und ein Glas Weißwein, doch er hatte erklärt, deftiges Essen ebenso zu lieben wie anzügliche Bemerkungen von Frauen. Hahaha, das sei nur ein Spaß, hatte er noch schnell hinterhergeschoben. Spätestens da hätte sie es wissen müssen. Schließlich war ihr die ganze Essenseinladung schon seltsam vorgekommen. Spätestens jetzt aber hätte sie sofort aufstehen und gehen sollen. Doch wie hatte ihre Mutter immer gesagt: Jeder hat eine zweite Chance verdient.

Also hatte sie sich gezwungen, sitzenzubleiben, zu bestellen, zu essen. Erst als der selbstgefällige Rülpser seinen Redeschwall unterbrach und er sich lauthals lachend seine fette Plauze tätschelte, beschloss sie: Ich lasse mich nicht länger bevormunden von meiner Mutter! Wortlos legte sie 15 Euro auf den Tisch, stand auf, nahm ihre Jacke und ihre Tasche vom Stuhl und verließ das Lokal.

Zurück blieb ein kopfschüttelnder Anwalt, der sich wunderte, wie viele verstockte Personen heutzutage einen Job suchen.

 


 

Beitrag für die abc-Etüden, liebevoll betreut bei Christiane mit einer Wortspende von Agnes Podczeck

5 Gedanken zu “Hach, noch schnell ne Etüde…

  1. Ach du lieber Himmel, was für eine Pointe! Für den zu arbeiten, muss ja eine wahre Freude sein. Tja, manchmal irrt eben auch die Weisheit der Mütter.
    Feine Etüde, vielen Dank dir!
    Liebe Grüße
    Christiane

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    1. Das freut mich. Also nicht, dass dir auch schlecht wurde, sondern … du weißt schon. 😅
      Wie gut, dass sie die Wahl hatte, oder? Aber wie viele Frauen haben das Gefühl, eben nicht die Wahl zu haben und arbeiten unter (oder besser mit) wirklich ekligen Chefs, wo verbale Anzüglichkeiten noch das Beste des Schlechten sind.
      Jede sollte es sich selbst wert sein, dem eigenen Gefühl zu vertrauen und die Wahl für sich selbst zu treffen!
      LG Hummel

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