Knotenhirn

Komme auf den Büroparkplatz gefahren und bemerke, dass das Auto der Kollegin nicht da ist. Ah. Vermutlich krank.
Tatsächlich, bestätigt sich bei Durchsicht der Emails. Trage das in unser aller elektronischen Kalender ein und widme mich meiner Post, ihrer Post, den Emails und den Fristennotierung. Es ist viel zu tun.

Zwischen den 78 Emails fachlichen Inhalts die einer anderen Kollegin: „Die Büroleitung vermisst eine Email zur Krankmeldung der Kollegin.“

Und schon beginnt er, der Totalausfall in meinem Hirn.

Während ich der Kollegin noch ganz ruhig erwidere, dass ich es ja im Kalender für jeden sichtbar eingetragen habe, und dass ich das schon klären werde, scheint sich in meinem Kopf irgendetwas zu verknoten und kürzer zu werden. Anders ist die Spannung nicht zu erklären, die sich da ansammelt, und bei jedem Schritt die Treppe runter und auf die Büroleitung zu steigert sich mein Miss-Empfinden.
Als ich angekommen bin, dröhnt meine eigene Stimme in meinen Ohren und ich frage mich, wer da eigentlich gerade zeternd in der Tür steht und behauptet, aus datenschutzrechtlichen Gründen (hüstel, wie komm ich jetzt nur darauf??)  NIEMALS über die Krankheit der Kollegin alle per Email zu informieren. Und habe ich auch noch NIE getan, und werde ICH auch NIEMALS tun. Die Büroleitung ist irritiert. „Aber machen das nicht alle so?“ Das kann schon sein, aber ICH werde das NIEMALS tun!
Noch während ich spreche, frage ich mich, warum eigentlich nicht, schließlich können den Kalender doch auch alle lesen, und ich hasse Unlogik, aber jetzt gibt’s schon kein Zurück mehr. Ich habe alles richtig gemacht, sagt mein Knotenhirn, und alle anderen sind auf dem Holzweg und machen eh alles gedankenlos und falsch. Immer. Wieder. Die Büroleitung wendet noch ein, dass er wegen evtl. Telefonanrufen das schon gerne wissen würde, und morgens erst die Emails liest und dann in den Kalender guckt, und ich kann mir ein bissiges „Dann musst du deine Gewohnheiten eben mal ändern!“ gerade noch verkneifen.

Was passiert da mit mir? Wieso kann ich nicht auf die Bremse treten, die Zügel ergreifen, anhalten, innehalten? Irgendwas geht mit mir durch, die Pferde, die Hormone, was auch immer. Ich lege noch ein, zwei Schippchen obendrauf („Und ÜBERHAUPT sollten wir mal dies und auch das besprechen….), weil ich grad so schön im Flow bin.  Zum Glück kommt dann Besuch, und erlaubt es mir, mich aus der Szene zu schleichen.

Das Knotenhirn beruhigt sich. Langsam. Wieder. Verheddertes glättet sich, und mit jeder Windung, die wieder durchblutet wird, wächst meine Scham. Als ich nach Hause gehe, pappe ich der Büroleitung verlegen einen Entschuldigungszettel an den PC.  Er regeagiert per Kurznachricht ganz gerührt und mein Herz lässt Steine kullern. Keine bleibenden Schäden sind anscheinend zurückgeblieben, nur eine kurzzeitige und behebbare Sache, so ein Knotenhirn. Glück gehabt!

 

 

5 Gedanken zu “Knotenhirn

  1. Kenne ich auch, von den Erzählungen meiner Frau über eine Kollegin. Prinzipiell hat sie Recht, in einer unperfektwn Welt leider zwei Schritte voraus (und damit alleinestehend). Hilft nur ein Glas Rotwein am Abend, morgens läuft eh alles falsch. 😁👍🏼

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    1. Da magst du recht haben mit dem Rotwein, bin aber noch bis Ende März abstinent. (Da musste ich mir wohl selbst etwas beweisen 😉). Also bleibt kein Raum für Verdrängen und ich kann nur versuchen, morgens irgendwie das Raubtier in mir zu bändigen 😅. Und Aufschreiben hilft. Und nette Kommentare. Danke dir!

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