Der Vater im Theater

Das neue Jahr beginnt, wie das alte endete, mit kritikwürdigen Schauspielaufführungen.

Sylvester waren der Lieblingsmann und ich in Lazarus, dem Bowie-Musical, welches im Schauspielhaus Düsseldorf aufgeführt wurde, von frenetischem Jubel begleitet. Bei uns hinterließ es eher ein flaues Gefühl, irgendwie sprang der Funke nicht über. Aber zumindest war das Bühnenbild phantastisch, die Stimmung gut und wir hatten das Gefühl, den Silvesterabend mal anders verbracht zu haben. Und viel Gesprächsstoff.

Gestern dann waren wir mit meinem Vater in „Voll verstopft – eine sanitäre Komödie“ im Theater Freudenhaus in Essen. Puh, war das schlecht. Die Schauspieler haben wirklich alles gegeben, aber gegen den Text und die Handlung anzuspielen, das funktioniert nicht. Textlich wurde kein Kalauer ausgelassen und alle Charaktere bis zum Erbrechen überzogen. Wenn das die sympathische Darstellung der Ruhrgebietsmenschen ist, dann möchte ich lieber nicht dazugehören, zum Ruhrgebiet. Ich halte mich nicht für spaßbefreit, aber mehr als ein müdes Lächeln erschien den ganzen Abend nicht auf meinem Gesicht. Und auch mein Vater, der immer für einen derben Spaß zu haben ist, saß teilweise mit unbewegtem Gesicht, während sich das seltsame Publikum um uns herum vor Vergnügen auf die Schenkel klopfte.  Überhaupt hat mich das Publikum auf eine harte Probe gestellt. Selten hab ich so viele Menschen auf einem Fleck gesehen, die mir auf Anhieb unsympathisch waren. So auf den ersten Blick. Und die sich dann in der Pause auch noch als tatsächlich frech und rücksichtslos herausstellten. Ich habe eh kein Verständnis dafür, wenn man bei freier Platzwahl in den letzten zwei Minuten vor Vorstellungsbeginn zu viert reinkommt und dann noch alle Leute umsetzen möchte, damit man auch nebeneinander sitzt. „Sie haben doch Verständnis, oder?“ Nein, hab ich nicht. Und wenn dann Personen abgeschlagen ganz vorne und ganz hinten sitzen, sich aber die letzte Woche noch schnell laut brüllend erzählen müssen, damit auch bestimmt jeder, der sein Hörgerät nicht ausgeschaltet hat, daran teilhaben haben kann, nein, auch dafür habe ich nur sehr begrenzt Verständnis. Und überhaupt, kann ich nicht erwarten, dass Gäste eines Theaters gewaschen zur Vorstellung kommen? Zumal in der Enge des hiesigen Hauses? Auch, wenn sie schon älter sind? Oder stinken alle alten Herren so wie der auf meinem Nachbarsitz? Also mein Vater ist jetzt 80 Jahre alt, aber er riecht frisch geduscht noch wie ein Jüngling auf Brautschau! Und, danke Papi, dass du es mit Humor genommen hast! Und mir erklärt hast, dass es wohl zum guten Ton gehört, nach der Vorstellung als Publikum völlig auszurasten. Und es nicht getan hast. Danke. Manchmal bin ich richtig stolz auf dich!

2 Gedanken zu “Der Vater im Theater

  1. Als junger Mensch hatte ich einmal ein Abonnement für die „Bühnen der Stadt Köln“. Das war immer ein Erlebnis und ich lernte viel. Ein einziges mal verließ ich eine Vorstellung. Es handelte sich um „Wallensteins Tod“, von „ich weiß nicht mehr“… Dort kasperten auf der Bühne die Darsteller mit Totenschädeln auf der Bühne herum, während über ihren Köpfen Dias in schwarz/weiß liefen. Vielleicht war ich auch nur zu jung, das Ganze zu verstehen.
    Ein wirkliches Erlebnis, und bis heute unvergessen dagegen war „Die Irre von Chaillot“, von Jean Giraudoux.
    Und natürlich ging man ins Theater gewaschen, gut angezogen und verhielt sich ruhig. Allein schon aus Respekt den anderen Besuchern gegenüber. Waren halt andere Zeiten…

    Liebe Grüße, Werner

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