Auszeit

Wir sagen, wir nehmen uns eine Auszeit. Wieder so ein Wort. Aus-Zeit.
Sind wir dann aus der Zeit gerückt, außerhalb der Zeit? Wie soll das gehen?

„Nehmen Sie sich eine Auszeit vom Alltag!“ „Gönne dir eine Auszeit!“ Das ist wohl eher das positiv besetzte „heute mal nicht das tun, was ich sonst jeden Tag tue“.

Eine Auszeit aus der Beziehung. Eine Pause. Eine Unterbrechung. Klingt schon gar nicht mehr so nach Wellness und Harmonie.

Überrascht stelle ich fest, dass das Wort Auszeit tatsächlich aus dem Sport kommt und lediglich den Sinn hat: Spielunterbrechung. Pause.

Wir alle wissen, dass jede Pause immer die Chance oder, je nach Betrachtungsweise, die Gefahr in sich birgt, dass es danach ganz anders weitergeht. Den einen oder die eine erfrischt die Pause, versorgt ihn oder sie mit neuer Kraft und Energie, der oder die andere liegt nach einer Pause völlig am Boden und kann sich erst recht nicht motivieren, weiterzumachen. Mancher erkennt erst jetzt, welches Leben er oder sie eigentlich führt und was das mit ihm oder ihr macht. (Nehme mir ab jetzt eine Auszeit vom Gendern…;-))

Manchmal benötigen wir erzwungene Pausen, Auszeiten, Brüche, um wach zu werden und zu erkennen, was wir mit uns und unserem Leben tun. Diesem Leben, von dem wir vermutlich nur eines haben, und dem wir oft ankreiden, wenn es uns zum Halten zwingt. Dabei meint es das Leben doch meist gut mit uns. Oder nicht? Ahhh, ich höre schon den Aufschrei! Was soll daran gut sein, dass… Bis heute seh ich nicht, warum das … Du kannst doch nicht einfach behaupten, es sei schon alles richtig so, das ist ja total blauäugig, du machst dir Welt, widdewidde wie sie dir gefällt!

Ja, mach ich auch. Provozieren macht anschaulich. Ich glaube aber tatsächlich, dass WIR ALLE aus dem großen Lostopf Leben genau das bekommen, was wir brauchen. Um zu wachsen. Um uns zu entwickeln. Das andere, was vielleicht auch noch auf der Speisenkarte unseres Lebens steht, sehen wir einfach nicht. Wir sehen nur das, was gerade aufgetischt wurde. Denn Energie folgt der Aufmerksamkeit. Und wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf alles richten, was uns schwächt, angreift, unzufrieden macht, sehen wir immer mehr davon. Aber – Fanfare bitte – wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf die andere Seite der Medaille richten, liegen plötzlich auch immer mehr nette, schöne, wundersame, stärkende Ereignisse auf unserem Teller. Wir haben die Wahl.

Leider ist es nicht einfach, sein Leben selber in die Hand zu nehmen, sich zu entscheiden, zu vertrauen. All das ist anstrengend, aufwühlend zuweilen und immer wieder sind Ablenkungen da, die uns vorgaukeln, es ginge auch einfacher, glücklich zu sein. Ein bisschen Sport hier, gesunde Ernährung da, reichhaltige Tagescremes und Traumreisen gaukeln uns vor, unser Leben zu leben, während wir uns immer mehr von uns selbst entfremden. Aber das Leben gibt nicht auf, es hilft uns, und, patsch! Ein Schuss vor den Bug zwingt uns zum Halten. Was dann passiert, hat oft mit Konzentration zu tun. All unsere Konzentration ist auf ein bestimmtes Thema gerichtet, auf das, was uns anhält. Das kann der Beziehungsstress sein, der Verlust der Arbeit, eine Krankheit. Egal. Wir konzentrieren uns auf dieses Geschehen. Wir grübeln und bedenken und sammeln Informationen und ergründen, warum etwas geschieht. Aber – wir vergessen darüber, dass es um UNS geht. Um uns selber.

Wenn wir es schaffen, uns auf uns zu konzentrieren (Konzentration ist übrigens das Gegenteil von Zerstreuung), uns zu beobachten, wie wir mit der Situation umgehen, uns zu fühlen, ohne uns dafür zu verurteilen, was oder wie wir fühlen, sondern uns selbst liebevoll in den Arm zu nehmen (wie wir es mit einem Freund machen würden), dann haben wir die Chance zu wachsen. Zu lernen. Reifer zu werden. Und glücklicher. Weil wir eben nicht mehr nur Spielball sind in der Arena des Lebens, sondern uns selbst kennenlernen und in uns selbst Stabilität und Flexibilität finden.

Wenn uns dabei eine Auszeit hilft: gut. Aber, und das vergesse ich auch zuweilen, wir haben uns immer dabei. Und können üben, uns selbst zu fühlen, jederzeit und an jedem Ort, sogar zwischen zwei Atemzügen.

 

 

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