Verschwunden

Gestern ist es wieder einmal geschehen. Ich bin verschwunden, hab mich nicht mehr gefunden zwischen all den Menschen. Überrascht war ich, als ich spürte, dass es sich anbahnte, wie eine Übelkeit oder ein lästiger Kopfschmerz.

Zunächst schien alles ganz normal, ich war ein Teil einer Gruppe, gut aufgelegt, wenn auch etwas müde. Ich fühlte mich willkommen. Konnte mich unterhalten, einbringen.

Doch dann dieses Spiel. Zunächst war ich noch wild entschlossen, mitzumachen. Doch schon die Gruppenaufteilung erschien mir unpassend. Ich als Einzige in einer Dreiergruppe, in der sich alle gut kannten. Und in der kleinsten Gruppe. Am liebsten wäre ich wieder zurückgegangen, aber zwei 6er-Gruppen und eine 3er-Gruppe, das erschien mir auch falsch. Jetzt nur nicht den Humor verlieren! Und die Mädels sind doch ganz nett!

Ok. Die erste Runde. Ach herrje… mir ist sofort klar, dass ich kaum etwas beitragen kann. Und wie fleißig die anderen raten. Ihre Vertrautheit ist schön anzusehen. Ich möchte nicht stören. Trete innerlich und äußerlich zurück. Merke, wie mein Gehirn abschaltet und ich mich in eine Walnuss verwandele, innerlich verwunden und umhüllt von einer harten Schale. Kein Zugriff mehr. Ich hänge am Baum und schaukle im Wind und blicke von oben auf die Szene.

Die zweite Runde.
Die Stimmung steigt, der Ehrgeiz der anderen auch. Ich stehe längst draußen auf einer Bergwiese, hinter mir die schneebedeckten Bergspitzen, vor mir das Tal. Es ist bereits dunkel, vom Tal hoch scheint das Licht der erleuchteten Zimmer, in denen gerade Menschen fröhlich beisammensitzen. Ich friere. Nur unter größter Mühe finde ich ab und an meine Stimme wieder, versuche zu lachen. Es ist schön zu sehen, das Leuchten in den Augen der anderen, ihre Begeisterung. Und sie wissen viel, erraten viel. Ich kann nicht erraten, was ich überhaupt nicht kenne, spüre klar: Das ist eine andere Welt. Da gehör ich nicht dazu.

Und der Mechanismus greift.
Fragt mich jetzt bitte nicht nach meinem Namen, ich wüsste ihn nicht mehr.
Ach herrje, da werde ich tatsächlich etwas gefragt: Was für Musik hörst DU denn? Mein Kopf: leer. Mein Magen: hart. Meine Augen: fiebrig. Meine Beine: fluchtbereit. WAS FÜR MUSIK HÖRE ICH? Verstört krame ich in meinem Kopf. Meine Gesprächspartnerin ist nett. Sie merkt, dass sie mir irgendwie auf die Sprünge helfen muss. Hörst du Radio? Welche Sender hörst du? Deutschlandradio Kultur und WDR5. Ihre Antwort: Ah, also hörst du keine Musik! Sie lacht mich an, ich stimme ein, weil es das Einzige ist, was mir einigermaßen sinnvoll erscheint. Es tut mir so leid, so bin ich sonst nicht, würde ich ihr gerne sagen, und dass ich sie sehr nett finde. Aber es kommt nichts aus mir raus. Wie auch? Ich hänge kilometerweit weg an einem Baum im Dunkeln, innerlich verwunden einer harten Schale.
Der Weg zurück ist lang und steinig.
Ein Teil von mir legt ihn zurück an diesem Abend und landet wieder im Zimmer, am Tisch.
Der andere Teil hängt wohl noch immer dort draußen. Und wundert sich, warum er nicht sprechen kann, obwohl es so viel zu erzählen gibt.

4 Gedanken zu “Verschwunden

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