Das Wunschgedicht

Nach 5 Tagen raus aus dem Alltag, rein in die Stille, in die Ausdehnung, ins Spüren (Seminar zur Biodynamischen Präsenz in Franken) bin ich heute in die Stadt gefahren, um die liebe Freundin aus der B-Street von der Arbeit abzuholen. Und während ich noch so in Richtung Büro laufe, spricht mich eine auf einem Mäuerchen sitzende Frau an: „Haben Sie vielleicht Interesse an einem Gedicht? Im Austausch für einen Kaffee? Oder für neue Buntstifte?“

Verwundert bleibe ich stehen und blicke sie an. Sie ist etwa so alt wie ich, also auf jeden Fall über 50, lange Haare, lustige Augen, hat eine furchtbar dicke Jacke an, einen dicken Schal um den Hals. Auf ihrem Schoß liegt ein ziemlich zerfledderter Stapel Papier. Ich lasse mich noch etwas zögernd darauf ein.

„Also Sie dürfen sich vier Dinge wünschen, die in dem Gedicht vorkommen sollen, und dann brauche ich etwa 15 Minuten Zeit.“

Ich setze mich neben sie auf das Mäuerchen, während ich überlege. „Hummel“ sage ich, „Hummel“ sollte vorkommen. Aber sie wehrt ab: „Nein, ich mache nur positive Gedichte!“

Entrüstet weise ich darauf hin, dass Hummel doch total positiv ist, weil nun mal mein Spitznahme. Und überhaupt auch an sich. Natürlich muss ich jetzt erklären, warum, wieso, und dann erfahre ich, dass mein Name sowieso immer vorkommt. Hummel ist also quasi gratis. Ok, ich nehme Sommer, Sonne, Vögel und Ente.

Ente geht auch nicht, sagt sie, nicht im Gedicht. Nein, das geht nicht, ich solle mir etwas anderes aussuchen. Ok…… Specht! Sage ich – und sie ist einverstanden.

Ich frage noch, ob ich kurz in den Laden gehen und dann wiederkommen kann, jaja, kein Problem!

Schnell informiere ich meine Freundin: „Du, kannst du wohl Richtung Köster kommen, ich warte gerade noch auf ein Gedicht.“ „Klaro!“ schreibt sie zurück, anscheinend noch nichtmal verwundert.

Als ich aus dem Laden komme, setzte ich mich wieder auf das Mäuerchen. Das Gedicht ist tatsächlich fertig und ich bekomme es vorgelesen:

Für Hummel…

Ich freue mich, bin überrascht und irgendwie auch gerührt. Frage nach, wie sie darauf kommt, Menschen Gedichte zu schreiben. Sie erzählt, dass sie alles mögliche macht, um Geld zu verdienen, Haus hüten, Katzen hüten, aber es sei schwierig, und wenn sie für etwas Größeres spare wie eine Bahnfahrkarte zum Beispiel, oder mal ins Kino wolle, dann säße sie 11 Stunden am Tag in der Stadt und versuche so, ihren Geist aktiv zu halten und gleichzeitig etwas zu verdienen. Nun habe sie aber nur noch einen schwarzen Stift, keinen bunten mehr, und sie liebe Farbe, so dass der schwarze halt auch immer am längsten halten würde, sie wünsche sich so sehr neue Stifte. Am Liebsten die gelb/schwarzen mit der dickeren Miene.

Und dann kommt sie ein wenig ins Erzählen, wo sie schon so alles war, dass sie früher Musik gemacht habe, von Freunden und solchen, die nur so tun als ob. Dabei zieht sie noch ein verknittertes Stückchen Geschenkband aus einem ihrer Ärmel, rollt das Blatt Papier mit dem Gedicht auf und übergibt es mir mit Schleifchen.

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Wir sitzen noch eine ganze Weile und ich lausche ihren Erzählungen, bis meine Freundin kommt. „Ach, die Frau Pastorin, hallo, also doch!“ begrüßt sie meine frische Bekanntschaft, und nun bin ich verwundert. Es stellt sich heraus, dass meine Freundin auch ein Gedicht von ihr hat schreiben lassen, und das ist schon zwei Jahre oder länger her. Ob die Dame wirklich Pastorin ist/war, wirklich Musikerin oder was auch immer, ich weiß es nicht und es erscheint mir auch nicht so wichtig. Es waren Momente voller Glück, mit gegenseitigem vorsichtigen Aufeinanderzugehen, und nun liegt hier ein Wunschgedicht und dort liegen – vielleicht – neue Buntstifte. Uns beide verband für kurze Zeit das Nachdenken über vier Worte, in kleines Stückchen gemeinsamer Zeit und gemeinsamen Lachens. Das ist doch, was zählt!

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