Man lernt nie aus

Manche haben vielleicht schon Geschichten von meinem Vater gelesen, hier oder hier  oder hier zum Beispiel.

Mein Vater wird im Dezember 80 Jahre.
Mein Vater kann schlecht laufen, weil ihm die Füße, Waden und Hüften weh tun und fährt von daher lieber Auto bzw.  (inzwischen) VW-Bus.
Mein Vater hat Null Hemmungen.
Wenn mein Vater etwas tun will, dann SOFORT und HAURUCK.
So auch heute.

Mein Lieblingsmann und ich waren gestern bei der offenen Gartenpforte und haben einen wunderschönen Garten angeschaut, ein paar kleine Pflänzchen mitgebracht und abends sinnierend im Garten gestanden und überlegt, wo sich welcher Gartenbereich entwickeln könnte. Denn seit mein Vater verkündet hat, dass er auch seine Hälfte des Gartens nunmehr mir übertragen hätte (gefragt hat mich übrigens nie, ob ich das auch will), seitdem hat er auch nichts mehr im Garten getan. Wie eigentlich noch nie, aber nachdem meine Mutter nicht mehr dazu in der Lage war, hat er noch Hecke geschnitten und so was. So seit einem Jahr macht er aber gar nichts mehr. Und ich beginne ganz ganz langsam, seinen Teil mit einzubeziehen und auch einzuplanen.

Hätten wir doch nur nicht laut darüber gesprochen, was wir so vorhaben. Ich hätte mir denken können, dass das nicht gut geht. Aber ich habe ausgesprochen, dass ich meine wunderwunderschöne Tellerhortensie teilen möchte, weil sie an der Stelle zu groß wird, wo sie steht, und dass die eine Hälfte dann bei meinem Vater stehen soll.
Und dass wir die Lebensbäume oben kappen wollen, weil sie zu riesig werden. Und ein Hochbeet bei meinem Vater vor an die Hütte stellen wollen, da, wo jetzt noch das Folien-Tomatenhaus vor sich hingammelt. (Stand gar nicht dabei, dass es nach einem Jahr selbstauflösend ist…)

Leider hört mein Vater immer nur das, was er hören will und nie alles.

Ich komme also heute früh nach Hause und will mich noch ein wenig damit beschäftigen, Tonblumen zu formen. Pustekuchen! Noch halb im Auto sitzend empfängt mich ein total verschwitzter, verschmierter Vater, über und über mit Grün garniert: „Ich hab den ganzen Tag gewulacht!“.Ja, seh ich sofort. Lässt sich gar nicht vermeiden. Ich sage also, dass ich gleich nach hinten in den Garten komme und wappne mich schon mal innerlich. Aber was ich sehe, verschlägt mir erstmal die Sprache.

Mein Vater hat sich die ausziehbare Leiter an den Lebensbaum gelegt, die elektrische Säge und die elektrische Heckenschere angelegt und einen der zwei Lebensbäume auf etwa 2 m Höhe um ca. 2 m eingekürzt. Den Rest hat er rundum mit vier geraden Seiten versehen, von denen nur noch zwei einigermaßen grün, der Rest braun ist. (Den zweiten Lebensbaum hat er stehen gelassen für meinen Lieblingsmann…) Dann hat er MEINE Tellerhortensie einfach an einer Seite völlig abgeschnitten. Nix mit Teilen oder so. Einfach weg. „War doch viel zu groß!“ Noch eben zwei Büsche ausgebuddelt, ebenfalls 2 m hoch, „und schon 2 Säcke Grünabfall weggebracht!“. Der Rest liegt noch vor seiner Tür. Und im Garten verstreut. Die Sonnenblumen hat er ebenfalls rausgemacht, auch die noch blühenden, und ebenso den frisch umgesetzten Salbei und das Maggikraut. Macht ja nix. Das hing eh ganz schlapp. Nee, ist klar. Die Aronia ist jetzt klein und kugelförmig. Die Pfingstrose hat er umgesetzt, angeblich, ich bin mal gespannt, ob er nicht nur die Blätter wieder in den Boden gesteckt hat. Und in das Johanniskraut hat er ein „Haltegestell“ reingerammt, so dass noch gerade 3 Äste nicht abgeknickt sind. Yep.

Ganz vorsichtig frage ich, weil es ja im Bereich des Möglichen sein könnte, ob ihm denn jemand geholfen hat beim Baum schneiden (Nachbar oder so). Nee, der XY musste selbst im Garten arbeiten. Und dann bist du alleine die Leiter hoch? „Ja, was soll das denn? Ist ja nicht das erste Mal, dass ich auf einer Leiter steh!“
Ja, Vater, aber das erste Mal in diesem Alter! Autsch. Das tut mir jetzt schon selber weh, aber ist doch war! Menno, der Mann wird 80, hat Gangstörungen und steigt alleine mit schweren Gerät auf die Leiter, wo man sich schon vor 40 Jahren Geschichten von Leiterstürzen von IHM erzählt hat! Ich reiße mich TOTAL zusammen und sage ganz ruhig, dass ich es schon schön fände, wenn er sich wenigstens irgendjemanden holt, der ihm zuguckt und dann zur Not Bescheid geben kann, falls was passiert. „Was soll denn passieren!“ Dass du von der Leiter fällst und wie ein Käfer auf dem Rücken im Garten liegst? „Dann steh ich eben wieder auf.“ Hm. Gut. Ist ja nichts passiert. Erst als ich schon ein Weilchen da bin, haut er sich dann doch noch eine Stange auf die Nase, so dass er blutüberströmt und kleinlaut ankommt „Guck mal, ich hab mich da geratscht.“ Vor Schreck legt er sich dann sogar 10 Minuten hin. Und gibt danach zu: „Die Füße haben mir ganz schön weh getan auf der Leiter, so auf den Sprossen, ich bin das ja gar nicht mehr gewohnt!“

Ich war soooo wütend vorhin. Jetzt ist die Wut schon verraucht. Sie ist einer Art emotionaler Erschöpfung gewichen.

Wir lernen, keine Ankündigungen mehr zu machen, was wir machen wollen, es sei denn, wir möchten, dass er es tut und sind bereit, das damit verbundene Risiko zu tragen, dass doch alles anders wird als geplant.
Ich lerne, mir mittags keine Vorstellung darüber zu machen, was abends passiert.
Mein Vater hat gelernt: Füße auf Leitern werden noch mehr beansprucht als Füße auf Bürgersteigen.

Man lernt halt nie aus.

7 Gedanken zu “Man lernt nie aus

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