Minimaler Müll und mehr

Es ist Freitag, kurz vor 18.30 Uhr, als mein Lieblingsmann und ich uns in den „Glücklich Unverpackt“-Laden in Essen begeben, den meine liebe Schulfreundin Nanni vor über einem Jahr bereits eröffnet hat. Wir wollen dort einem Zero Waste-Vortrag lauschen. Uuuh. Wenn das mal nicht anstrengend wird…

Ich muss zugeben, dass ich höchst selten bisher im Unverpackt-Laden eingekauft habe. Das liegt an meinem seltsamen Essverhalten, bei dem ich mich wochenlang von Lachgummis und Salmiakpastillen ernähren kann. Die gibt’s da nicht. Weil es die nicht unverpackt gibt. Jedenfalls nicht die echten. Es gibt Sachen, da bin ich markentreu. Leider. Immer noch.

Aber zurück zum Vortrag, der zum Glück gar nicht missionarisch war, sondern sehr lebensnah und entspannt. Mir ist positiv aufgefallen, dass ich ja doch schon einige Sachen umsetze. Aber es geht natürlich immer noch viel mehr. Und Ausreden hab ich für fast alles.

Beispiel: Warum ich nicht Gemüse ohne Plastik kaufe?

Weil der (Wochen)Markt abends schon zu hat, ich am Biosupermarkt keinen Parkplatz bekomme, beim Bauern das Obst ebenfalls in Plastikschalen abgepackt ist, die sie auch nicht zurücknehmen wollen und im Discounter eben fast alles in Plastik zu finden ist. Und ich meinen Speiseplan eben nicht nach dem örtlichen Loses-Gemüse-Angebot ausrichte. Weil es mir zu anstrengend ist. Gehen würde es schon, jaja, ich weiß ja….

Während des Vortrags ergänzte so’n Lütter, dass für die Herstellung einer Seite Papier
10 l Wasser verbraucht würden. Jedes Kind weiß das also inzwischen. Ich kann mich noch nicht mal mehr damit rausreden, dass Mehl und Zucker ja schließlich nur in Papiertüten abgepackt sind. Autsch.

Zum Thema Müllvermeidung erzählte eine junge Frau bei der Veranstaltung, dass sie bislang ein echter Klamottenjunkie gewesen wäre, und jetzt hätte sie entdeckt, dass nicht nur das Kaufen toll sein könne, sondern auch der Verzicht darauf. Echt?

Gestern ging ich also mit dem Lieblingsmann in die hiesige Buchhandlung, und ich hatte ruckizucki schon wieder drei Bücher, die ich gerne mitgenommen hätte. Aber – ich habe sie liegen gelassen. Ich weiß ja, wo sie sind, sie laufen nicht weg, da bin ich sicher. Und ich fühlte mich tatsächlich ein klitzekleines Bisschen stolz dabei. Ich habe noch genug Lesestoff. Hier liegen exakt drei Bücher, in denen ich gerade lese. Danach kann ich weitersehen, aber fürs Erste hab ich verzichtet. Wow. Belüge ich mich jetzt selber? Oder funktioniert das tatsächlich? Das wird wohl die Zeit zeigen.

Heute habe ich zwei Küchenschränke aufgeräumt. Und mir vorgenommen, jetzt tatsächlich mal öfter zur Nanni zu gehen, wenn ich z. B. Körner, Nüsse oder so etwas brauche. Und mit Dose in den Supermarkt zu gehen und zu versuchen, mir meinen Käse dort auf der Theke einfüllen zu lassen.

Aber das Gros der Verpackungen macht bei uns Joghurtbecher, Milchtüten und sowas aus. Und Süßigkeitentüten. Für mich. Weil ich eben unglaublich viel von dem Zeug esse, und je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr esse ich davon. Bekloppt. Ich weiß…

Wir haben uns heute auf Arte eine Dokumentation angeschaut Re: Null Müll – Schluss mit dem Abfallwahnsinn. Da wird über einige interessante Projekte berichtet, u.a. in Italien von Capannori, einer Stadt in der Toskana, die sich Müllreduzierung seit Jahren erfolgreich auf die Fahnen geschrieben hat. Dort gibt es laut Filmbericht tatsächlich kaum noch Restmüll. Müllvermeidung und Verbesserungen bei der Mülltrennung laufen Hand in Hand. Oder Projekte in Venlo, in Hamburg… alles sehr spannend. Es ist ja schon interessant, sich mal damit zu beschäftigen. (In der Mediathek noch bis Anfang September zu sehen.)

Aber mein persönliches Fazit ist:
Ich sollte wieder mehr selber kochen. Und gute Produkte dafür einkaufen, mit möglichst wenig Müll. (Vielleicht bekomm ich das mit der Süßkramfutterei dann auch mal wieder in den Griff.)

Aber jetzt anzufangen, Putzmittel, Deo, Haarwaschmittel etc. selbst zu machen – hatten wir das nicht schon mal alles? Ich sag nur Jean Pütz und Spinnrad – was haben wir nicht alles zusammengemischt? Und, ja, ich habe mir auch schon mit Roggelmehl die Haare gewaschen, eine Zeit lang, aber dann fand ich es fad und spaßfrei. Und habe mir eine Haarwaschseife gegönnt. Wenigstens kein Plastik. Und noch eine zweite, denn ich steh auf Abwechslung. Aus mir wird nie nie nie ein Minimalist. Ich finde es auch nicht toll, nur noch zwei Farben in meinem Kleiderschrank zu haben, und alles muss miteinander kombinierbar sein. Wenn ich mich aber doch jeden Tag anders fühle? Mal kleine graue Maus, mal großer bunter Vogel, mal Tippse, mal Schlöns? Und in den fotografierten Kleiderschänken der Minimalisten-Sites hab ich noch nie Wintermäntel und Winterschuhe oder Hundeplatzklamotten gesehen! Leben die alle nur im Sommer?

Merkt ihr was? Ich fühle mich irgendwie angegriffen. Als ob mir jemand mein Leben wegnehmen wollte. Mich zum Aufräumen und Aussortieren zwingen will. Mir meine Individualität nehmen will. Ich fange an, mich zu verteidigen, wie es oft die Fleischesser tun, wenn Vegetarier oder gar Veganer am Tisch sitzen („Ich esse ja auch gar nicht oft Fleisch…“). Als ob sich meine Individualität in der Farbe meiner Kleidung, der Anzahl meiner Bücher oder dem Inhalt meines Kühlschrankes zeigen würde.

Im Grunde geht es doch nur darum, dass wir erkennen, wenn etwas falsch läuft, und versuchen, es besser zu machen zum Wohle Aller. Weil wir nur gemeinsam klarkommen und gemeinsam Dinge verändern können. Dabei hat jeder Mensch sein eigenes Tempo und seinen eigenen Schwerpunkt. Hauptsache, wir bewegen uns überhaupt. Leben ist Bewegung.

11 Gedanken zu “Minimaler Müll und mehr

  1. Hey!
    Ich glaub nicht, dass dir irgendjemand dein Leben wegnehmen will – jedenfalls nicht alles auf einmal 😉
    Wenn ich alles, was du aufzählst, gleichzeitig verändern wollte, wäre ich wohl gnadenlos überfordert. 😀

    Wie wäre es denn, diese Woche mal mit einer kleinen Veränderung anzufangen (z.B. Milch in der Pfandflasche) und nächste Woche mit der nächsten weiter zu machen (z.B. mitgebrachte Dosen für die Friachetheke), immer schön langsam einen Schritt nach dem anderen? Bei mir hat diese Taktik damals, vor fast 4 Jahren, ziemlich gut funktioniert, bis heute ^^

    Glg,
    Pip

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  2. Radikale gibt es in jeder Disziplin. Dein eigenen Weg gehen und immer wieder abgleichen mit dem eigenen Gefühl, das ist m.E. der Weg. Katzenfutter immer noch nicht unverpackt möglich. Ok, dann eben noch nicht. Aber heute mit der Dose zur Käsetheke – das geht. Ich würd gern noch mehr schreiben, aber dieser alte Joghurtbecher klebt immer noch an meinem Ellbogen …

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  3. Tatsächlich geht jeder seinen Weg, aber ich kenn das, irgendwie fühlt man sich doch unter Druck gesetzt. Jetzt wo man weiß wie es gehen kann/sollte. Dabei schaut dir keiner über die Schulter und niemand wird was sagen. Ich finde Veränderung fängt im kleinen an. Wenn ein Hardcore Fleischesser, weniger Fleisch ist auf Qualität achten ist schon viel erreicht. Wenn wir zur unverpackten Gurke greifen statt zur eingepackten haben wir zu Hause weniger Müll, wenn es dann irgendwann machbar ist zum Bauernmarkt zu gehen, werden auch die Ketten Umdenken. Jeder macht eigene Schritte und so unterschiedlich wir Menschen sind so unterschiedlich sind unsere Schritte. Kleine, Grosse, tippel Schritte oder oder. Mach dir keinen Druck jeder Schritt zählt. Muss ich mir auch immer sagen. 😉

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    1. Ja, da hast du recht! Danke für deinen lieben Kommentar. Ich merke schon jetzt, dass ich manche Dinge aufgrund des Verpackungsmülls einfach nicht mehr kaufe. Z. B. keine kleinen Joghurtbecher mehr, sondern nur noch die 500 g Packung, weil ich die Eimer auch noch gut weiterverwerten kann. Auch das ist ja schon ein Erfolg. Und ich mache wieder mehr selbst. Letzte Woche habe ich zum Beispiel so was wie Maggi selbst gemacht, und es ist richtig gut!

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  4. Wo sind eigentlich diese Milch-Automaten hingekommen, die vor Jahren einmal in fast jedem größeren Supermarkt rumstanden? Man konnte seine eigene Milchflasche damit befüllen. Und in dem kleinen Käseladen hier in Moosburg pumpte die Chefin noch persönlich… Alles verschwunden!

    Liebe Grüße,
    Werner

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