Sie und sie und so

Sie streift die neue Jogginghose über, die mit den rosa Streifen, leint das Hündchen an, hebt es hoch und läuft aus dem vierten Stock das Treppenhaus hinunter. Vor der Tür setzt sie es ab, und schon nach ein paar Sekunden sind sie am Grünstreifen, direkt zwischen Haus und Autobahn, wo sich der morgendliche Verkehr langsam in die Stadt hinein einfädelt. Das Hündchen erleichtert sich, und langsam schlendern die beiden zurück, machen noch eine kleine Runde, vorbei am Bauzaun, der ein kleines Stück Brachland begrenzt, wo was auch immer  entstehen soll. Sozialwohnungen wahrscheinlich, denkt sie, oder eine Lagerhalle. Als ob es davon nicht schon genug hier gibt.

500 Meter weiter eilt eine Andere im engen kurzen Kostüm und auf hohen Schuhen durch den Morgen, um noch rechtzeitig die Straßenbahn zu erwischen. Ihre Hände umklammern ihre Tasche, als wolle sie auch sich selbst festhalten. In Gedanken ist sie schon im Büro, bei ihrem Chef und seinen Anschuldigungen, mit denen er sie gestern konfrontiert hat. Sie hat kaum geschlafen heute Nacht, immer wieder ist sie in Gedanken das Gespräch durchgegangen. Gespräch, das trifft es nicht, ein Monolog war das, aber was hätte sie auch sagen sollen? Er hätte eh nicht mehr zugehört. Traut er ihr das wirklich zu? Sie weiß nicht, ob sie darüber lachen oder weinen soll. Sie sollte lachen, so absurd sind seine Äußerungen, das ist ihr schon klar, aber wovon soll sie leben, wenn er sie rausschmeißt?

Was die beiden Frauen verbindet? Ich. Ich, die ich morgens über die Autobahn in die Stadt fahre, Gesichter und Bewegungen sehe und Geschichten. Ich, die ich in der Anonymität meines Autos geschützt bin, kaum einsehbar von außen, wie unter einer Glocke. Selten sehe ich Menschen, die schöne Geschichten erzählen, selten sehe ich sie lachen und fröhlich sein, oder auch nur ansatzweise glücklich oder zufrieden. Da sind Wut, Verbitterung, Zeitnot, Ärger. Manchmal döst jemand vor sich hin, während er in der Bahn oder an der Haltestelle sitzt. Oder Kinder spielen mit ihren Schuhen in Pfützen. Aber wo sind die zugewandten, freundlichen Gesichter geblieben? Sie sind selten geworden, jedenfalls zu den Stoßzeiten des Berufsverkehrs. Ich werde sie suchen, weiterhin. Es muss sie irgendwo geben!

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