Existentielle Frage im Angesicht des Meeres

 

 

 

 

Endlos rollt es an. Mal blau, mal grau, mal ruhiger, mal stürmischer.
Ununterbrochen.
Immerwährendes Rauschen, Grollen, Tosen.
Ständiger Wind.
Der Blick gleitet von links nach rechts und von rechts nach links übers Wasser.
Der Horizont, mal klar erkennbar, mal verschwommen, dunstig, direkt in den Himmel übergehend.
Schiffe ziehen entfernt ihre Bahnen am Horizont entlang, langsam, nachvollziehbar.

Das, was für das Auge an Ruhe da ist, fehlt dem Ohr. Es gibt keinen Knopf zum Abschalten, keinen Rückzugsraum, an dem das Meer nicht hörbar ist. Es ist ein endloser Ton, so wie die Wellen endlos heranrollen und sich am Strand brechen, wieder und wieder und wieder, so reißt auch der Ton der rauschenden Wellen nicht ab.

Manchmal nimmt er mich mit, trägt mich ein Stück fort von hier, wie ein Gedanke, der mich mitnimmt.

Doch wenn ich den Wellen bewusst zuhöre, ist kein Gedanke da, kein Gefühl, nur Lauschen. Und Schauen in die immer wieder aufschäumende Gischt.

Es ist so mächtig, dieses Meer. Ich kann es nicht aufhalten, nicht einmal eine Minute lang, nicht mal eine Sekunde.

Die Elemente, sie treten stärker zu Tage hier am Meer. Wie der Wind die Umwelt formt, wie das Wasser reibt und zermalt, wie die Sonne bleicht. Es könnte demütig machen, diese Erfahrung, doch der Mensch baut Bretter, um auf den Wellen zu surfen und Drachen, die im Wind reiten. Alles wird ausgenutzt für die eigene Erfahrung von „Ich kann“.

Es ist uns so wichtig, dieses „Ich kann“.
Ich kann 9 Stunden arbeiten und danach noch feiern gehen, ich kann Marathon laufen, ich kann Tennis spielen, ich kann kochen und essen, bis ich platze, ich kann fasten und ich kann in Urlaub fahren und mir zwei Autos leisten und ich kann jederzeit jemanden anrufen, der mit mir ins Kino geht. Ich kann ich kann ich kann ich kann.

Und wenn ich nichts mehr könnte? Wenn ich nicht mehr arbeiten kann und mich nicht mehr bewegen kann, und niemanden mehr besuchen oder anrufen kann?

Dann bin ich doch dieselbe. Die, die nichts mehr kann, aber immer noch ist.

Wer bin ich?

2 Gedanken zu “Existentielle Frage im Angesicht des Meeres

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