Väter

Während ich hier sitze, höre ich das Surren und Knattern der Lenkdrachen am Strand und, natürlich, das ewige Rollen der Wellen. Es ist Abend, die Sonne sinkt, und es sind nicht mehr viele Menschen am Strand.

Nebenan erklingt das helle Stimmchen von Karlotta, die mit ihrem Vater spricht. Sie bewohnen zusammen das Nachbarhaus am Strand. Ich weiß bereits, dass Karlotta eine Blase am rechten Füßchen hat, die heute sogar blutete, die sie aber selbständig desinfiziert und verarztet, dass sie das Radschlagen übt, einen Plastikeimer am Strand gefunden hat, und dass sie das Eincremen mit Sonnenschutz hasst. Ihr Vater (keine Ahnung, wie er heißt) sorgt für angenehm entspannte Tage. Es gibt regelmäßige Ess- und Ruhe- bzw. Kuschelzeiten, und auch ansonsten wirkt er ruhig und besonnen. Kein lautes Wort kommt über seine Lippen. Manchmal sagt er Dinge bis zu 10 Mal (Komm mal in den Schatten. Komm mal in den Schatten. Komm mal in den Schatten….) aber immer gleich freundlich und gelassen. Und irgendwann kommt Karlotta, gut gelaunt und ebenfalls entspannt.

Die beiden scheinen wie nach einem inneren Plan immer irgendetwas gemeinsam zu tun, gerade sind sie rausgekommen und lassen auch einen kleinen Drachen steigen, jeder hält eine Leine.

Ein paar Häuser weiter wohnt ein noch ganz winziges Baby, welches wir gestern mit Mama und heute mit Papa gesehen haben. Er ist ein großer, fülliger Mann, und in seinem Armen sah das Baby noch winziger aus. Aber er war so zugewandt, so vorsichtig und umsorgend mit dem kleinen Wesen, dass es mir ganz warm ums Herz wurde.

Diese Generation Väter gefällt mir. Sie macht Hoffnung auf Menschen, die sich geliebt fühlen und in dieser gelebten Liebe aufwachsen.

Sie lässt mich wünschen, auch so einen Stellenwert für meinen Vater gehabt zu haben. Wenn es so war, so kann ich mich daran nicht erinnern. Es gibt ein Bild von uns, wo er mich anstrahlt. Aber ich kann es nicht erinnern, wie es war mit ihm. Er war einfach oft weg.

Meine Mutter erzählte gerne, dass ich das totale Papakind war. Ich fürchte, ich war es nur, weil er so selten da war, weil es etwas Besonderes war, wenn er nach Hause kam. Ich hörte, er hat mir oft Geschenke mitgebracht von seinen Reisen, aber erinnern kann ich mich auch daran nicht. Erinnern kann ich mich an Wochenenden nach dem Mittagessen, denn dann mussten wir zusammen spülen, während meine Mutter sich ausruhen durfte, und wir haben Lieder gesungen dabei. Und danach ging es ab aufs Sofa, bis im Fernseher „Serengeti darf nicht sterben“ oder „Im Reich der wilden Tiere“ begann, was wir dann alle zusammen geguckt haben.

Ich kann mich nicht an eine einzige Sache erinnern, die ich von ihm gelernt habe. Dafür an viele Situationen, in denen es mir total unangenehm war, wie er sich verhielt, während die meisten andere Menschen das völlig normal oder sogar lustig fanden.

Sicherlich bin ich meinem Vater ähnlich. Je älter ich werde, desto mehr gemeinsame Wesenszüge entdecke ich. Sicherlich habe ich mir auch Dinge von ihm abgeguckt. Aber eben nur abgeguckt. Gezeigt hat er mir nichts, gelehrt hat er mich nichts. Und für Dinge, die ich gelernt habe, hatte er oft nur Spott übrig (klassische Gitarre zum Beispiel, da hatte er gar kein Verständnis für, wieso ich das lernte, aber kein Lied ohne Noten einfach so begleiten konnte).

Wenn ich andere Töchter über ihre Väter reden höre, bin ich manchmal neidisch auf deren Nähe, auf das „er hat mich so viel gelehrt“, „er war/ist so ein toller Mensch“, „ich bewundere ihn“.

Was hat mein Vater mich gelehrt? Vielleicht, dass mit einer Frau an der Seite Dinge zu schaffen sind, die man sich alleine nicht zutraut. Und dass man dann zu dieser Frau halten muss, egal, wie sich alles entwickelt. Das zumindest hat er mir vorgelebt. Ob es tatsächlich so erstrebenswert ist, sei mal dahingestellt.

Alkohol macht alles einfacher. Auch das habe ich gelernt von ihm, und gleichzeitig erlebt, was es alles auch schwieriger macht – und für wen. Aber ich bin zu einem ebenso süchtigen Menschen geworden wie er – nur unsere Süchte unterscheiden sich. Noch.

Und dennoch liebe ich meinen Vater. Und wünsche mir so sehr, dass er auch mich liebt. Mich sieht. (Und nicht nur meinen Mann.)

Seine Anerkennung, sofern ich sie mal spüre, ist meist hart erarbeitet, kommt nie „einfach so“, weil ich es bin, weil ich es wert bin.

Und dennoch liebe ich ihn.

Und dennoch wünsche ich ihm nur das Allerbeste und alles Glück dieser Welt für die letzten Jahre, die ihm noch bleiben. Und einen schnellen, schmerzlosen Tod, wenn er denn kommen muss, weil sein Leben schon so voller Schmerz war, dass er es einfach verdient hätte.

Ach Papi, ich muss dich jetzt mal schnell anrufen und dir einen schönen Abend wünschen!

4 Gedanken zu “Väter

  1. Gudrun Wagner-Boy

    Liebe Hummel,

    wie toll und sicherlich auch für die Seele gut, dass du deine Gefühle so gut in Worten ausdrücken kannst. Das ist mir leider nie gelungen……

    Ich verstehe dich so gut💞

    Genießt euren Urlaub

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    1. Nun ja, wir haben alle unsere eigenen Ausdrucksformen, die es zu entdecken gilt, oder? Freut mich aber nach wie vor sehr, und überrascht mich auch immer wieder, wenn jemand mich und das, was ich schreibe, nachvollziehen und verstehen kann.
      Liebste Grüße vom rauschenden Meer! 😘

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