Szenische Lesung

 

Wow, was für ein Nachmittag! Gestern 17.00 Uhr in der Liebfrauen-Kulturkirche in Duisburg:

Der Zwang, eine szenische Lesung aus „Es muss einer den Frieden beginnen – Jahrhundertautoren gegen den Krieg“, basierend auf einer Novelle von Stefan Zweig, erschienen 1920. Dargeboten von Wieslawa Wesolowska als Erzählerin, Axel Gottschick als Ferdinant und Marion Mainka als Paula.

Was soll ich sagen: Es hat mich umgehauen.

Ich bin völlig ohne Erwartungen hineingeschlittert in diese Veranstaltung, habe keine Vorstellung davon gehabt, was mich erwarten könnte und wusste nur, dass zwei Freundinnen von E., die mich dazu überredet hat, ihr das unabhängig voneinander ans Herz gelegt hatten. Wie gut, dass sie das getan haben!

Man stelle sich einen schmalen, hohen, mit ganz dunklen Holzschränken bis unter die Decke ausgestatteten Raum vor, darin Bestuhlung für ca. 15 Menschen, in Dreierreihen hintereinander, an einer der Schmalseiten ein Fenster, gegenüber die „Bühne“: vorne links an der Wand eine große Madonnenstatue, daneben zwei kleine Podeste mit je einem Stuhl und ein Rednerpult, dahinter ebenfalls ein Stuhl. Und ein Radiator, es war ziemlich kalt im Raum, auch zum Leidwesen der Schauspieler. Wir sitzen in der zweiten Reihe, die Reihe vor uns ist leer, zwischen uns und den Schauspielern ist also nicht viel Platz. Frau Wesolowska beginnt, den Anfang der Geschichte zu erzählen, und sofort bin ich mitten im Geschehen, stehe ich mit Ferdinand am Fenster seiner Wohnung am Zürichsee und danach vor dem Postboten mit dem Stellungsbefehl. Ich rieche das moderige Laub und sehe Ferdinand beben, höre ergriffen seine Worte. Paula schläft anfangs noch, und so sitzt Marion Mainka mit geschlossenen Augen, bis auch sie in das Geschehen komt, wie alle auf ihr Stichwort wundervoll präsent. Die Atmosphäre ist so dicht, die Geschichte so spannend, dass ich die Welt um mich herum vergesse und an den Lippen der drei Schauspieler hänge. Manchmal höre ich E. neben mir leise aufstöhnen. Ich möchte mir zwischendurch die Haare raufen, möchte Ferdinand schütteln, so nah ist er mir, und so nachvollziehbar seine Handlungen auch sind, so leide ich auch mit Paula mit und möchte mit ihr zusammen auf Ferdinand einreden. Doch der Text ist viel feiner und differenzierter als meine grobe Erregung, und ich bin immer wieder überrascht, sitze lauschend, angeregt, aufgeregt.

Es ist keine Minute langweilig. Die Zeit vergeht wie im Flug, und am Ende… nein, das verrate ich nicht, lest selbst, aber ich kann euch sagen, wir waren nicht die einzigen, die Tränen in den Augen hatten! Wirklich, sowas kenne ich sonst nur aus Filmen, wo Geschichte und Musik mich auch schnell mal zum Weinen bringen können. Aber bei einer Lesung?? Die Anspannung war so hoch, – wie entscheidet sich Ferdinand, was macht Paula, wie endet die Geschichte? – die aufgeworfenen Fragen so aktuell, die Art der Präsentation so berührend ,dass es uns die Tränen in die Augen trieb. Und all das passierte quasi direkt neben uns, wir waren auf wundersame Weise mittendrin!

Wow, wirklich wow, es war toll, und es ist total schade, dass ihr euch das nicht mehr anhören/ansehen könnt. Hätte ich früher davon gewusst, ich hätte wie bekloppt Werbung gemacht!

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