Scheitern

Wie fühlt sich Scheitern an?

Gestern wurde mir klar, dass es durchaus sein kann, dass ich die Praxis aufgebe. Die Praxis, in der ich Craniosacraltherapie anbiete als staatlich geprüfte Heilpraktikerin (denn ohne diese Prüfung dürfte ich das gar nicht).

Als ich anfing mit Cranio, das war 2003, da war ich voller Elan. Ich hatte das Gefühl, mit meinen Händen etwas tun zu können, was anderen Menschen gut tut, was ihnen hilft und mir noch dazu. Es war so beglückend, in entspannte oder verwunderte Gesichter zu blicken nach einer Behandlung, es hat so viel Spaß gemacht, und es hat ein Tor aufgestoßen in eine andere Welt. Die Welt der Medizin, wie ich dachte. Ich erinnerte mich daran, dass ich Krankenschwester werden wollte, aber meine Mutter diesen Wunsch einfach abbügelte mit den Worten „Dazu bist du viel zu schwach.“ Und ich stellte das als junges Mädchen nicht in Frage, schlug einen anderen Weg ein, lernte den Beruf der Patentanwaltsfachangestellten. Aber plötzlich war dieser Wunsch wieder da, andere Menschen vielleicht auf diese Art helfen zu können. Während der Ausbildung bekam ich positives Feedback, plötzlich schien ich meine Aufgabe gefunden zu haben. Und es gab noch so viele andere interessante Verfahren, Dorn-Breuss, Triggerpunkttherapie, Taping, Ohrakupunktur und einiges mehr, was ich begierig aufsog. Als sich herausstellte, dass ich die Heilpraktikerzulassung brauche, um Cranio offiziell anbieten zu können, war mir klar: Das mach ich!

Nun ist es so, dass wir in der HP-Schule lernten, was wir NICHT tun dürfen, wen wir NICHT behandeln dürfen (damit wir nicht zur Gefahr für die Volksgesundheit werden). Also viel medizinisches Grundwissen, was ich nie praktisch einsetzen konnte und auch nie wieder abgerufen hab. Die Prüfung habe ich 2010 abgelegt, wenn ich sie jetzt noch einmal machen müsste, ich hätte nicht den Hauch einer Chance zu bestehen. Die 2 Jahre Schule waren oft eine Quälerei, weil ich das ja berufsbegleitend anging, und für das Wichtigste, die Cranio, blieb überhaupt keine Zeit mehr.

Kontakte gingen aus Zeitmangel verloren, im Büro war plötzlich total viel zu tun, und erst, als eine neue Mitarbeiterin eingestellt und eingearbeitet war, kam wieder „Land in Sicht“.

Direkt nach Prüfung habe ich die Praxis angemeldet, denn das fiel auch zusammen mit unserem Umzug in unser klitzekleines Häuschen, und ich brauchte einfach einen externen Praxisraum, schon allein, weile ich keinen Platz mehr gehabt hätte für meine Sachen wie Liege, Klangschalen etc. Allerdings habe ich dort nie richtig viel gemacht. Klar gab es immer wieder Phasen, in denen ich durchstartete, aber oft kam irgendetwas in mein Leben, was mich ausgebremst hat. Zumindest kam es mir so vor. Meine Mutter wurde krank, dann fing der Lieblingsmann seine Ausbildung an, was meine Zeit auch einschränkte, denn er war deutlich weniger zu Hause, um irgendetwas zu erledigen, dann war wieder viel zu tun auf der Arbeit, ich selber verletzte mich oder wurde krank, irgendwas war immer.

Nun haben wir schon seit zwei (!) Jahren unsere Praxisräume (ja, mein Lieblingsmann ist ja inzwischen auch HP) in fußläufiger Nähe, und auch das hat bisher nicht dazu geführt, dass ich dort mehr mache. Im Gegenteil.

Woran das liegt? Ich denke, das hat mehrere Gründe.

Zum einen bin ich schlecht vernetzt. Ich kann mich nicht gut anbieten und kaum jemand weiß überhaupt, dass es mich gibt.

Zum anderen hab ich ein Problem mit meiner Qualifikation. Ich KANN einfach nicht so viel an Fort- und Weiterbildungen machen wie ein Vollzeit-Heilpraktiker, und für das, was der Cranioverband fordert, würde ein Großteil meines Jahresurlaubs draufgehen. Das geht einfach nicht, kräftemäßig, mental, und als Beziehungsmensch. Trotzdem hätte ich mit meiner Ausbildung und den gemachten Fortbildungen schon einen guten Teil der Zertifizierungsvoraussetzungen (und damit auch der Möglichkeit, mit einigen Kassen abzurechnen) gehabt, aber ich hätte nochmal eine Prüfung ablegen müssen. Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen, wollte ich nicht. Der Druck war mir zu groß. Gleichzeitig fühle ich mich zweitklassig, was es mir noch schwerer macht, mich zu „vermarkten“.

Und dann kommen die Fragen: Müsste es nicht einfacher laufen, wenn es der richtige Weg wäre? Müsste meine Begeisterung nicht Andere mitreißen, wenn es wirklich „meins“ ist? Vielleicht bin ich einfach schlecht, schlechter als andere. Oder liegt es am „Ruhrie“, dem Menschenschlag hier, der, wenn er krank ist, zum Arzt geht mit dem Anspruch „Mach das weg! Gib mir was, damit es weggeht.“ Der sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen will, gar nicht so gerne spüren will, was sein Körper ihm vielleicht erzählt, weil „er ja eh nichts ändern kann“. Und es wird „sowieso viel zu viel Geschisse um sowas gemacht“. Oder der zumindest einen Rat will – schon allein, um dann sagen zu können „Das hat auch nicht geholfen!“ und alles bleibt, wie es ist.

Oder liegt es einfach an meinem Menschenbild? Habe ich zu wenig Menschenliebe für so einen Beruf? Zu wenig Vertrauen in meine Patienten? Oder in mich? Bin ich einfach nicht geeignet? Kann ich weder Kompetenz noch Vertrauen vermitteln?

Ist es ein Gemisch aus allen geschilderten Faktoren?

Dieses Jahr sollte ja das mutige Jahr werden – und es ist so absolut un-mutig, jetzt aufzugeben, was noch nie so richtig angefangen hat. Den Kopf in den Sand zu stecken und die Decke über den Kopf zu ziehen und mich zu bemitleiden. Trotzdem kommt immer wieder dieser Gedanke:

Vielleicht bist du gescheitert und kannst es dir einfach nicht eingestehen?

Vielleicht würde es dir besser gehen, wenn du die Zeichen erkennst, die Praxis aufgibst, die Sachen verkaufst, das Kapitel beendest und fortan ein ganz normales Leben lebst, wie Tausende andere auch, mit Arbeit, Garten, Katzen, Urlaub, Freunden, Freizeit?

Und so versuche ich es mir seit Tagen vorzustellen, wie sich das anfühlen würde. Ohne Praxis. Ganz ‚normal’.

Erst war es furchtbar, alles schwankte, es zog in mir und tat weh. Dann kam ein Gefühl von Erleichterung, als müsse ich mir dann um gar nichts mehr Gedanken machen und alles wäre total einfach. (Ein Zustand, den ich wohl nie erreichen werde, der mich wahrscheinlich auch unsäglich langweilen würde.) Dann wieder war ich völlig verwirrt, durcheinander, durchgeschüttelt. Also kontaktierte ich eine Freundin, mit der ich gelegentlich Cranio mache, ob sie Lust habe, mich zu behandeln. Um mich zu spüren, zu kalibrieren. Das war dann gestern. Und während ich so in meiner eigenen Praxis auf der Liege lag, mich umsah, die Stimmung und den Anblick meiner Sachen dort in mich aufnahm, da habe ich gemerkt, wie sehr die Praxis ein Teil von mir ist! Welchen Schmerz es mir bereiten würde, das aufzugeben, aufzulösen. So sehr, dass ich heute nicht in der Lage war, davon zu erzählen, ohne dass mir die Tränen kamen.

Ist das jetzt Abschiedsschmerz? Ist es das, was zum Scheitern dazugehört?

Ich bin wohl noch lange nicht mit dem Thema durch…

8 Gedanken zu “Scheitern

  1. Ich hätte hier viel zu schreiben:

    Cranio finde ich toll.Nach meinem Bandscheibenabriss & OP bekam ich Cranio, von einer hübschen Osteopathin (komischerweise sind die alle hübsch), während der Rest der Reha den ganzen Tag Gymnastik machen musste. *King*

    Ohrakupunktur schwör ich drauf; insgesamt hast du tolle HP Felder.

    Das Los vieler HPs ist es, dass sie über ein Zubrot kaum hinauskommen. Da braucht es einen Vollverdiener.

    Und hier im Rhein-Ruhr Land/Gebiet gibt es keine geerdeten Menschen mehr. Man glaubt an den sauberen chirurgischen Schnitt.
    In Süddeutschland gehen sie vielfach erst zu den „Kräuterhexen“. Da kann man als HP leben, weil die es gewohnt sind.

    Es ist nicht leicht, es sei denn, es gibt eine Cashcow wie Darmspülung oder anderes ekeliges. Ich kann beide Wege verstehen.

    Die Gedanken eines Ex-Vollverdieners.

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  2. Ex-Vollverdiener, damit meine ich, dass meine „Ex-Lieblingsfrau“ eine HP ist/war und ich somit alles genauestens mitbekommen habe, die Seminarauswahl, strategische Ausrichtung, Überlegen&Zaudern, Gesundheitsämter und und und.

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  3. Pingback: Godzilla und die Bauklötzchen – Hummelweb

  4. Liebe Hummelweb,

    Ich kann dein Zögern und Zaudern gut verstehen und ich glaube, es gehört in diesem Bereich der Selbständigkeit auch ein wenig dazu. Jedenfalls kenne ich das von mir auch.

    Vor nunmehr 12 Jahren habe ich mit meiner Ausbildung zur Individualpsychologischen Beraterin begonnen (das ist auch schwierig, weil Individualpsychologie in Deutschland nicht anerkannt ist und es keinerlei Möglichkeit gibt, irgendwie eine Anerkennung zu bekommen). Das heißt ich habe zunächst ein wenig angefangen mit Beratungen – und irgendwann gemerkt, dass es so nicht geht.

    Da ich schon in der Erwachsenenbildung tätig war, begann ich, die Praxis auszubauen mit Seminaren (Persönlichkeitsentwicklung, Kreatives Schreiben, pädagogische Seminare etc.), anschließend kam das Energie-Strömen dazu. Außerdem gibt es Vorträge, Oasentage, Schulungen und einige feste Honorartätigkeiten.

    Was ich sagen will: All das hat Zeit gebraucht – Ideen – Glück – Empfehlungen von zufriedenen Menschen – zur rechten Zeit am rechten Ort sein etc.
    Vor allem aber hat es – im Rückblick – meine Entscheidung gebraucht: Dieses „Ja, ich will die Selbständigkeit“ hat einiges zurechtgerüttelt.
    Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass mein Lieblingsmann auch in einem festen Arbeitsverhältnis steckte. Wäre das nicht so gewesen, hätte ich mir eine professionelle Beratung zum Aufbau des Geschäfts geholt!

    Ich hoffe, du findest deinen Weg – den, der dir guttut – und den, der passt und dir nicht nur Druck beschert.

    Alles Liebe
    Judith

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Judith,
      da staunte ich gerade nicht schlecht und musste meinen Beitrag aus 2018 selbst nochmal lesen. Ich freue mich sehr über deinen ausführlichen Kommentar. Inzwischen habe ich die Praxis tatsächlich aufgegeben, denn mir ist klar geworden, dass ich mich nicht zwischen meinen „Brotjob“ Büro und der Praxis aufteilen möchte. Und die Energie, die Praxis zu meinem Haupterwerb zu machen, hatte ich nie. Wohl auch nicht den Anspruch, dies zu tun, so dass ich inzwischen keine Patiente mehr behandel. Es war ein langsamer Abschied aber einer, der sich zur Zeit gut anfühlt. Und meine Qualifikation kann mir ja niemand nehmen, d.h. wenn ich irgendwann den Drang verspüre, wieder als Craniotherapeutin einzusteigen, so kann ich das tun. Die Räume habe ich behalten, umgestaltet, und sie sind mein persönlicher Rückzugsraum, in dem ich zu mir finden kann. Meine Töpferscheibe ist eingezogen und ein Brennofen, aber die Liege, meine Klangschalen und eine Meditationsmatte stehen ebenfalls noch zur Verfügung. Damit kann ich zur Zeit gut leben, es fühlt sich einfach richtig an.

      Ich danke die für den Einblick in dein Leben und die wohlwollenden Worte. Du hast wirklich mein Herz erfreut.

      Auch dir alles Liebe,
      Hummel / Andrea

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