Kalt erwischt

Heute vor einem Jahr warst du bereits im Krankenhaus. Die Chemo hatte schon begonnen. Am 21. November habe ich dich zuletzt im Arm gehalten, im Krankenhaus, als du mir deinen Auftrag ins Ohr geflüstert hast, während du mich gedrückt hast wie ein Ertrinkender. Und so viel Zuversicht ausstrahltest in dem ganzen Schlamassel.

Vielleicht liegt es daran, dass heute die Kälte auf meinem Gesicht brennt. Mir fällt deine Mütze ein. In den Wochen davor war dir immer kalt. Du kamst stets mit Mütze und Schal, wolltest heißen Tee.

Plötzlich ist es da, das Gefühl deiner samtigen Haut, wenn du die Hand aus dem Handschuh gepellt hast. Ich kann fühlen, wie du dich anfühlst, wenn wir uns in unserer engen Diele umarmt haben, höre deine Stimme. Und doch, unwiederbringlich. Verloren.

Ein Jahr war ich nicht auf dem Friedhof, heute zieht es mich hin. Ich muss sehen, ob das alles wirklich passiert ist, ob du tatsächlich dort liegst, irgendetwas in mir muss sich vergewissern. Ich finde die Stelle auf Anhieb. Immer noch liegt das kleine Auto da. Ich schlucke. Du bist so nah!

Diesen Sommer wirst du nicht mit uns am Feuer sitzen. Du wirst nicht deinen kleinen Kugelbauch in die Sonne strecken. Du wirst keinen Streuselkuchen essen und nicht mit frühstücken gehen. Aber ich werde dafür sorgen, dass es trotzdem passiert, und ich werde dir davon erzählen, versprochen.

 

 

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