Einfach rund

Heute hab ich dem Tag beim Dunkelwerden zugeschaut. Ich saß in der Küche, vor mir eine Katze, auf dem Schoß ein Buch, die Füße auf einem Hocker, und habe in den Garten geschaut. Habe den Meisen zugesehen, die sich über die neuen Futterknödel hergemacht haben, und beobachtet, wie sich die Farben der Pflanzen in der Dämmerung verändert haben. Wie die Rottöne anfingen zu leuchten. Ein Orchester aus Licht, gespielt nur für mich.

Irgendwann habe ich bemerkt, dass da keine Farben mehr sind, nur Grau- und Schwarztöne. Der Verstand setzte wieder ein, fragte nach der vergangenen Zeit. Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiß es nicht. Und empfinde das als sehr befreiend.

Im Augenblick des Versunkenseins bin ich reich beschenkt worden.

Es ist dieses Gefühl des Eingebundenseins, des allumfänglichen Einsseins, der Ruhe. Ich kann es nicht beschreiben. Keine Grenzen mehr, einfach Sein. Vielleicht ist es auch das, was im besten Fall zwischen zwei Menschen passiert im Moment von Ekstase und Lust. Oder das, was Mönche und Nonnen erleben in ihrem Glauben, in der Kontemplation, und was es ihnen ermöglicht, auf körperliche Liebe zu verzichten.

Gemeinsam ist allen diesen Erlebnissen die Abwesenheit von Verstand. Die Abwesenheit der Stimme in uns, die alles einordnet und bewertet, abwägt, richtet, warnt.

Eckhart Tolle schreibt „Gedanken können ohne Bewusstsein nicht existieren, aber Bewusstsein benötigt keine Gedanken.“

Manchmal versuche ich auch, Gedanken auszuschalten, den Kopf abzuschalten. Etwa, indem ich bis zur Bewusstlosigkeit fernsehe. Aber danach sind die Gedanken nur um so stärker (Was hast du dir da wieder für eine Sch… reingezogen?!). Und die Leere, die darauf folgt, entspricht der völligen Abgetrenntheit vom „Sein“. Andererseits können „gute“ Filme mich in den Zustand höchsten Glücks versetzen, gleich einem Rausch.

Entspringen derartige Ersatzhandlungen (wie auch Alkohol, Essattacken, exzessiver Sport) nur aus dem Unvermögen, den Verstand mal ruhen zu lassen, und als Werkzeug zu betrachten, welches dann eingesetzt wird, wenn wir es benötigen, oder der dann anspringt, wenn unser Überleben in Gefahr ist? Versuchen wir auf diese Weise quasi gewaltsam, unseren Kopf, unseren Verstand, unsere innere Stimme auszuschalten?

Das wäre ein weiteres Beispiel dafür, dass Gewalt keine Lösung ist 😉

Rausch, Ekstase, das sind Zustände, die mir, eingetragen in ein Kurvendiagramm, hoch erscheinen. So wie Trauer tief. Aber Bewusstheit, Einssein, das liegt irgendwie im alles drumherum, ist höher und tiefer zugleich. Ist rund.

 

 

 

 

 

 

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