Händel und die schlechte Laune

Liegt es daran, dass mein Chef heute jedes Mal „Der Baum fällt“ rief, wenn er mich sah, nur weil ich ein rot-blau-kariertes Hemd anhatte, das meine Kollegin an ein Holzfällerhemd erinnerte?
Oder daran, dass ich erst zu der Zeit, als „eigentlich“ Feierabend war, so richtig was zu tun bekam?
Oder daran, dass ich nach Hause komme und es noch genauso aussieht wie gestern Abend? Dass ich bügeln muss? Kein Essen fertig ist?
Oder daran, dass ich auf die Frage, ob wir uns jemals wiedersehen, immer noch nicht geantwortet habe, weil mir einfach keine Antwort einfällt?
Jedenfalls packt mich die schlechte Laune, als ich nach Hause komme, mit eisernem Griff und selbst das Maunzen und Stupsen der Kater und das vorsichtige Grinsen des Lieblingsmannes kann sie nicht vertreiben.

Der Lieblingsmann hat eine CD für mich, zusammengestellt von einem (seinem) guten Freund, den wir vor etlichen Monaten mal gemeinsam besuchten. Ein erinnerungswürdiger Besuch, denn wir hörten zusammen diese zauberhafte, kraftvolle, wandelnde Musik des Messiah von Georg Friedrich Händel, und schließlich saßen wir da, mit Tränen in den Augen, und waren uns sehr nah.

Doch ich bleibe dabei, ich habe schlechte Laune! Und das bedeutet sogar, dass ich mich nicht für Geschenke bedanke, nicht im Moment. Ich bitte den Lieblingsmann, sich an meiner statt zu bedanken. Der Freund lässt ausrichten, dass ich die CD hören soll. Das sei gut gegen schlechte Laune. Pah, der Gute kennt mich nicht!

Dabei hatte ich so lange darauf gehofft, auf diese CD. Nach dem Essen, dem Bügeln, dem Alleinsein und einigen wundervollen geschriebenen Worten mit der Freundin aus der B-Street, schiebe ich die CD in den Player. Sofort füllt himmlischer Klang den Raum. Die Kater trollen sich auf ihre Schlafplätze, rollen sich ein und entschlummern. Ich lausche. Und gesunde. Werde tief. Versinke. Tauche nur langsam wieder auf. Der Mann kommt rein. Gerade höre ich Julius Cäsar, Aus den tückischen Wogen.

Meine schlechte Laune? Sie hat sich aufgelöst.
Geblieben ist nur die Scham, mich noch nicht bedankt zu haben.
Das muss ich unbedingt nachholen.
Aber erst noch ein bisschen hören.
Und genießen.

Ein Gedanke zu “Händel und die schlechte Laune

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