Kein klarer Gedanke

Es gibt diese Tage, an denen ich an mir vorbeilaufe.
Ich bin beschäftigt von morgens bis abends, ich funktioniere, treffe Menschen, telefoniere, versorge. Aber ich fühle mich fremd und falsch in diesen Tagen, als hätte ich sie von jemand anderem geborgt und vergessen, sie zurückzugeben.

An manchen Tagen macht es Spass, ein Leben überzustreifen wie eine fremde Jacke, es an- oder auszuprobieren, seine Ecken und Kanten zu finden. Dann bin ich voll da, sehr wach und offen und selten müde.

An anderen Tagen hängt die fremde Jacke an mir wie ein nasser Sack, hängt schwer auf den Schultern und zieht mich zu Boden, es ist unerträglich ermüdend, sie zu tragen.

Komme ich zur Ruhe, merke ich: Das bin doch alles nicht ich. Alles fremd. Alles äußerlich. Am Liebsten liefe ich ganz ohne Jacke, ungeschützt und unmittelbar meine Umwelt erfahrend.

Aber kann ich das überhaupt?
Wie war das, als ich Kind war?
War ich da noch offen und ungeschützt und unmittelbar?
Schau ich mir Bilder an von mir zwischen drei und acht Jahren, so bin ich mir fremd. Ich weiß, dass ich das bin auf den Bildern, aber ich fühle es nicht. Ich habe keine Verbindung zu dem Kind, das fröhlich in die Kamera grinst. Ich sehe mich nicht darin.

Ich erinnere mich an zwei, drei Episoden aus dem Kindergarten und den ersten Schuljahren, mehr nicht. Manchmal weiß ich nicht mehr, ob ich sie erinnere oder nur oft genug gehört habe. Ich kann nicht fühlen, wie es war.

Gestern hab ich hier von den kleinen roten Gewittertierchen auf Beton gelesen, da war es plötzlich da, das Gefühl, diese kleinen roten Tierchen zu zerdrücken auf dem warmen, kratzigen Beton hinter unserem Haus, auf dem die Blumenkästen standen. Und ebenso das Gefühl, den warmen zähen Kitt zwischen den Glasbausteinen der Wand am Friedhof herauszupulen, während ich gewartet hab, dass die andere Kinder an mir vorbei gingen. Warum sollten sie an mir vorbei gehen? Ich weiß es nicht mehr.

Was soll ich jetzt machen? Suche ich mir ein Jacke, die passt? Und wie lange wird sie passen, wann wird sie zu groß, zu klein, zu unmodern? Oder laufe ich durch mein Leben ohne Jacke, werde angeglotzt, begafft, spüre Schnee und Hitze, Wasser, Wind und Beton ganz unmittelbar und schutzlos?
Wenn ich es nur schaffen könnte, die Jacke am Haken zu haben und sie mir zu nehmen, wenn ich sie brauche! Und nur dann. Aber dazu bedarf es eines klaren Kopfes. Und Zeit, mich zu prüfen, nachzuspüren, wie der Moment gerade ist, was ich gerade will und nicht will.
Jacke an. Jacke aus. Jacke an. Jacke zu, Jacke auf. Jacke aus. Jacke an. Jacke aus.
Wechseljahre.

2 Gedanken zu “Kein klarer Gedanke

  1. Gudi

    Ja…. sie heißen nicht umsonst so diese Jahre❣

    Man wechselt nicht einfach nur von heiß zu kalt, sondern auch von himmelhoch (lustig…. zuerst stand dort hummelhoch 😃) jauchzend zu Tode betrübt, das (dicke) Fell, das man sich im Leben erarbeitet hat, juckt, kratzt und passt nicht mehr. Man will aus den Nähten platzen aber fürchtet sich, wie man danach aussieht.

    Ich kann dir sagen, der Blick wir immer klarer und klarer, der Gang aufrechter und das Herz weit und weich…

    Keine Angst vor dem Wechsel und lass einfach mal ab und an den Mantel hängen❤

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    1. Ich glaube ja, dass wir uns das nur während der Wechseljahre erlauben, und vielleicht noch in der Pubertät, wir tatsächlich aber auch im „restlichen“ Leben so wechselvoll sind. Wir sehen nur nicht so hin, kommen nicht dazu, wollen es uns nicht eingestehen. Dabei macht es das Leben doch auch spannend!

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