So viel

Die einen feiern Vatertag mit Bollerwagen und Bier.
Die anderen reisen zum Meer.
Nebenan steigt eine Geburtstagsfeier.
Ich verbringe den Tag zwischen Bett und Sofa, Strandkorb, Gartenliege und Flüchtlingsheim.
Die Katzen schleppen sich aus der Sonne zu versteckten Schattenplätzen.
Ich zerschneide Büsche zu Kleinholz.
Raum schaffen. Enge in Weite verwandeln.

Ich habe so viel.

Ich kann dieses „so viel“ nicht mehr ertragen, es schaut mich an, rückt immer näher, bedrängt mich, will Aufmerksamkeit.
Es fühlt ich an, als würde jede Tasse, jedes Buch, jedes Ding im Haus um meine Aufmerksamkeit buhlen. Jedes Ding tanzt vor mir, um gesehen zu werden, oder sitzt in der Ecke, traurig, dass es so lange keine Aufmerksamkeit hatte. Oder erzählt seine Geschichte, möchte gehört werden.

In mir die Sehnsucht nach einem leeren weißen Raum.
Einfach nur sitzen.

Wenn ich die Augen schließe, ist zwar alles weg, aber es wird schwarz um mich.
Ich gehe in den Garten.
Das Grün tut mir gut, es schreit mich nicht an, es ist zurückhaltender als alles im Haus. Doch auch dieser Garten redet mit mir.
Hallo, ich verdurste, siehst du das nicht?
Kannst du mal dort vorne was wegschneiden, bevor ich überwuchert werde?
Bitte, hilf mir, die Zünsler fressen mich sonst auf!

In einem kleinen Garten gibt es immer etwas zu tun. Hier bin ich in der Verantwortung, für die Schwächeren Platz zu machen. Oder eben alles sich selber zu überlassen. Der Natur an sich wird das nichts ausmachen, sie wird nach dem Motto „Survival of the Fittest“ allen Raum erobern. Ich selbst werde dann nicht mehr reinpassen in meinen kleinen Garten, keine Wege mehr finden, keine Ruheplätze. Das ist es auch nicht, was ich möchte.

Heute im Flüchtlingsheim eine junge Frau aus Ghana, mit ihrem zwei Monate alten Sohn. Sie lebt auf 10, vielleicht 12 qm. Ihr Hab und Gut ist in Tüten um sie rum verstreut, als ich das erste Mal komme, auf dem (unbezogenen) Bett liegen Windelpackungen, Mütterpass, Cremedosen und Medikamente. Der Kleine wird gerade gewaschen, dann mit Shea-Butter eingecremt (auch eine Art Babymassage) und frisch angezogen. Danach gibt’s die Flasche. Jeder ihrer Handgriffe wirkt sicher. Und verstörend harsch.

Wie wäre mir zumute, müsste ich seit Wochen unter solchen Bedingungen leben? Verschoben von Stadt zu Stadt, weitergereicht unter Fremden in einer so sensiblen Lebensphase?

Sie hat fast nichts und ich fast alles. Wir sind so gegensätzlich wie unsere Hautfarben.
Und doch irgendwie nah, wie wir so beieinandersitzen.
Vielleicht sind wir uns ähnlich in unserer Unzufriedenheit.

Ich organisiere Bettbezüge und fahre zum zweiten Mal heute ins Flüchtlingsheim, um sie der Mini-Familie zu übergeben. Mama räumt gerade das Zimmer um, während ihr kleiner Sohn im großen Bett schlafend fast nicht zu sehen ist.
Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, als sie das Bettzeug sieht, ich freue mich auch, sie viel entspannter zu sehen als noch vor zwei Stunden.

Ist das Abgeben, das Teilen, auch ein Grundbedürfnis des Menschen?
Geben und Nehmen. Mit-teilen und gehört werden.
Werden wir so alle zu Teilen der Gemeinschaft? Empfinden wir uns so als zugehörig?

 

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