Reha 3.1 – Bergfest und anderes

 

Der geneigte Leser wird vielleicht bemerken, dass ich von einigen Personen nichts mehr berichtet habe, die ihren Auftritt in den ersten Reha-Blogs hatten. So zum Beispiel die Dame ohne Worte.
Ja, ich sehe sie noch täglich, und tatsächlich, ihr kommen immer öfter viele Worte über die Lippen. Sie ist sogar ganz nett, wenn ich Renate glauben und meinem zweiten Eindruck trauen kann, halt nur etwas unsicher. Vielleicht hat sie auch Angst vor Hochdeutsch. Oder versteht des halt net so. Was weiß ich.

Wer Renate ist? Hab ich nicht von ihr erzählt? Renate ist eine kleine ältere Pfälzer Dame, die so lange wie ich hier ist und nach einem Unfall mit drei Wirbelbrüchen kämpft. Auch sie hat Osteoporose. Wir kamen sehr schnell ins Gespräch, denn ihre hellwachen blitzenden Augen laden fast jeden ein, mit ihr ein Schwätzchen zu halten. Wenn jemand den Begriff „positiv“ erfüllt, dann sie. Und dabei ist sie so was von herzlich, dass ich sie ständig in den Arm nehmen könnte. Was natürlich nicht geht, schon wegen der Schildkröte, die sie noch tragen muss. Jedenfalls gehört Renate zu unserem Tisch wie das Tischtuch und die harrsche Chinesin (ja, sie ist in China geboren, das wissen wir jetzt), mit der wir noch immer um unsere Teller kämpfen. Aber nicht nur wir, auch ihre Kolleginnen bekommen ab und an eins drüber von ihr und finden sie zumindest anstrengend. Nur mit Renate hat sie schon freundlich geschwätzt, daher wissen wir inzwischen auch, was für eine arme Socke sie im Grunde ist, und das stimmt uns milder. Im Promillbereich. Manchmal.

Dann ist da noch Dieter! Dieter seh ich immer noch jeden Tag und meist halten wir ein kurzes Schwätzchen. Wenn ich ihn mal einen Tag nicht spreche, lauern wir uns gegenseitig auf, um Neuigkeiten der Genesung auszutauschen. Denn Dieter wurde nach einer komplizierten Bypassoperation direkt mal aufs Fahrrad gesetzt für 10 Minuten, und als er das nach 2 Minuten abbrach, war sein Bein etwa doppelt so dick wie vorher. Danach humpelte er ein paar Tage einfach nur so rum, bis es wieder besser war. Weil aber auch Dieter ungeduldig ist und zudem Sorge hatte, seine bis dato ungewaschenen Füße könnten vielleicht den Geruch von Meenzer Kees annehmen, hat er seinen Fuß kurzerhand in warmem Wasser gewaschen. Seitdem ist der Fuß wieder dick und Dieter humpelt weiterhin durch die Gegend, bis es wieder besser ist.

Aber nun zu tagesaktuellen Geschehnissen.

Ich hatte gestern ein halbstündiges Gespräch mit der Psychologin. Es endete mit ihrer Zusammenfassung, dass ich ja sehr reflektiert und die Situation wirklich ziemlich festgefahren sei. Mir sei ja auch alles klar, was es an Möglichkeiten gebe, und ich wolle doch wahrscheinlich kein weiteres Gespräch?

Sie wirkte ehrlich überrascht, als ich meinte, doch, ich wolle schon noch ein Gespräch nächste Woche. Und nach den Ereignissen des gestrigen Abends bin ich heute morgen kurz zu ihr (sei leitet auch die Progressive Muskelentspannung, die ich diese Woche auf dem Plan habe) und hab ihr davon erzählt, und da war es fast an mir, sie zu trösten. Denn das habe ja etwas von einer selbsterfüllenden Prophezeiung, ich hätte doch berichtet, dass ich das Gefühl habe, immer, wenn es mir gerade anfängt, gutzugehen, käme wieder so ein Schlag. Das sei ja ganz furchtbar, dass es jetzt wieder so sei.

Tja, Frau H., ich lasse mich aber nicht unterkriegen und mache hier mein Ding weiter, auch wenn ich zwischendurch mal weinen muss. Und ich kann von hieraus auch echt nicht viel tun, alles, was möglich ist, habe ich bereits veranlasst, ich habe die ersten Termine heute abgesagt, um mir Ruhe zu gönnen, ich habe meine Stationsärztin informiert, falls die Beisetzung in den Reha-Zeitraum fällt, ich habe Unterstützung für den Lieblingsmann angefordert und mich selbst dabei noch grad ein wenig erleichtert (mein Dank an den Herrn aus D. und die Damen aus der L-Street, ihr seid die Besten!), ich habe mit Wilhelm telefoniert und mit dem Lieblingsmann, mehr kann ich grade nicht tun. Also regen Sie sich mal nicht so künstlich auf, denn es wirkt schon ein wenig übertrieben, Ihre Betroffenheit. Und wenn ich Sie auch weiterhin ernst nehmen soll, müssen Sie noch ein wenig an Ihrer Authentizität arbeiten. Wir sehen uns!

Tatsächlich hatte ich gestern (Halbzeit/Bergfest) einen netten Abend, denn in der Miehlke-Klinik war Livemusik (und es gab Alkohol, den es doch sonst nur am Wochenende gibt). Bin also im Dunkeln runtergetappert, hab ein Glas Wein getrunken mit Rudi und Manuel, wir haben ein ganz kleines Bisschen gelästert und sind dann um halb 10 wieder hoch. Dann kam der Anruf vom Lieblingsmann. Beuuuuung. Der Keulenschlag.

Die Nacht war kurz, der Kopfschmerz heftig und die Tablette unumgänglich, aber – so ist das Leben. Nichts zeigt deutlicher, dass es auf den Augenblick ankommt, diesen gerade jetzt, den ich erlebe, statt einen zukünftigen zu erträumen. Und hier geht das wunderbar, es ist so einfach hier, weil wir uns um nichts kümmern müssen. Meistens jedenfalls. Alles läuft nach Plan, wir werden bekocht, bekommen frische Handtücher, Bettwäsche und Therapiepläne. Die stimmen zwar immer noch nicht, aber das neue System…. ihr wisst schon, das arbeitet noch nicht so…

Heute hatte ich Konsil. Bei der Osteologin. Und das war mal echt ein Highlight!

Es ist eine sehr junge, nette Oberärztin, die mir da gegenübersitzt und mir ausführlich erklärt, was an meinen Knochen auffällig ist und warum mein Wirbelbruch eine Grad 2-Fraktur ist. Und warum das zusammen mit dem ansonsten nur vorliegenden Osteopeniewert schon Anlass zur Vorsicht bietet. Sie hört sich auch geduldig meine Einwände gegen die Alendronsäuretabletten an und gibt zu, dass es sich um einen Grenzfall handelt. Ein denkbares Modell sei auch, die Tabletten erstmal nicht zu nehmen und in einem Jahr die Knochendichte nochmal zu überprüfen, da ich ja noch recht jung sei (wenn auch im Gegensatz zu ihr schon ein Oldie). Und tatsächlich steigt bei längerer Einnahme das Risiko untypischer Knochenbrüche, während das der typischen sinkt. Und die Medizin mache ja auch Fortschritte, von denen ich vielleicht in ein paar Jahren mehr profitieren könne.

Allerdings sagt sie auch, dass das Risiko eines weiteren Wirbelbruchs innerhalb des ersten Jahres bei 40% liegt. Aber die sind nicht unbedingt schmerzhaft und werden meist gar nicht bemerkt.

Und Sport ändert daran nichts. Das müsste ich dann schon exzessiv machen, um eine Auswirkung auf den Knochenaufbau zu haben, Handball, Tennis oder so, und das sind gerade die Sportarten, die ich nicht machen soll. Wegen der Frakturgefahr.
Natürlich ist es von Vorteil, den Muskelapparat zu stärken, klar, aber ich soll mir was aussuchen, was mir auch wirklich Spaß macht.

Juchhu!
Ich werde nicht unkontrolliert weiter zerbröseln und kann diese Episode doch unter „Shit happens“ verbuchen?
Nicht ganz, denn meine Knochen sind typische Osteoporoseknochen von ihrer Wandstruktur her. Das sieht man ganz deutlich. Aber das sollte man halt beobachten. Nur nicht zu argwöhnisch, denn viele Menschen mit Osteoporose haben nie einen Bruch. Tut ja auch mal gut, das zu hören!

 

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