Reha 1.7 Wochenresümee vom Hummel-Hasen

Liebes Reha-Tagebuch!
Jetzt bin ich schon ein alter Hase.

Heute und gestern sind viele Neue angekommen, der Speisesaal sieht plötzlich ganz anders aus, überall sitzen unbekannte Gesichter und reißen gefestigte Strukturen wieder auf. Heute saß ich plötzlich mit 4 Männern an einem Tisch, ganz ohne weibliche Verstärkung. Die Frauen, die ich schon etwas näher kenne, glucken meist zusammen und setzen sich nicht gerne an „Männertische“. Mir gefällt das ja ganz gut, die sind irgendwie lustiger drauf, reden nicht so viel über ihre Krankheiten (es sei denn, sie sind erkältet), sie entwickeln schnell Rituale und man kann sie herrlich aufziehen. Nach dem Essen geht eh jeder getrennte Wege hier.

Bei dem Freizeitangebot auch kein Wunder.

Heute im Angebot: Gesellschaftsspiele von 18.30 bis 20.00 Uhr. Der verlockende Original-Text lautet:

„Spiele-Abend – Unter Leitung von Frau Meier-Müller-Schmidt* wird gekniffelt, gerätselt und sich vielleicht geärgert.“

Na? Na? Als ich vom Verdauungs-Spaziergang wiederkam, standen die Leitungsbedürftigen schon in Zweierreihen vor der Cafeteria und losten gerade aus, wer als erste die Würfel würfeln dürfe. Wer möchte sich auch nicht „vielleicht ärgern“? Besser als sich sicherlich ärgern ist es allemal.
Ich jedoch war eher Hasenfuß und habe mich in meinem Zimmer auf Lauschstation begeben. Dank Laptop habe ich meine Musik mit, und obwohl ich zu Hause kaum Musik höre und Beschallung gegenüber eher zurückhalten bin, ist es hier mal ganz angenehm, gefühlig abzutauchen.

Apropos Gefühl: Eine Woche ist jetzt um und gefühlt bin ich nicht einen Schritt vorwärts gekommen. Oder, detaillierter, mein Rücken wird besser dank Bewegung (das wurde er aber zu Hause auch schon), meine Schulter schmerzt mehr dank Bewegung (das ist neu, darum kümmert sich aber der anscheinend sehr fähige Physiotherapeut) und meine Psyche, laut Wikipedia „das Gesamtsystem jener (Lebens)„Regungen“,das „der Volksmund“ seit langem als Innenleben oder auch Seelenleben bezeichnet und dabei wie die wissenschaftliche Psychologie in Denken und Gefühlsleben unterteilt“, scheint mir immer mehr zu entgleiten.

Denken muss ich ja hier nicht viel, das wird auch überbewertet und ich habe es fast völlig abgeschafft. Stattdessen schnaufe ich und zähle und bewege einzelne Körperteile stumpf nach Vorgabe: Arme zur Mitte, ausstrecken nach vorne, über die Seite, Ellbogen zum Körper und wieder von vorne, Arme zur Mitte, ausstrecken nach vorne, über die Seite, Ellbogen zum Körper… Das entlastet total.

Und das Gefühlsleben? Das bricht sich Bahn, wenn ich es gar nicht erwarte. Heute zum Beispiel, als der Lieblingsmann anrief per Videotelefonie, da hats mich echt gepackt und gerüttelt. Heulen und Zähneknirschen danach. Überfällt mich einfach, und ich weiß nicht, wie der Hase läuft, wenn’s läuft. Und warum. Aber tut gut. Also erlaub ich es mir und schniefe nach Hasenherzenslust, bis es wieder versiegt und ich ermattet in die Kissen falle. So isses.

Ergo werde ich die Reha-Verlängerung wohl auch annehmen.

Gute Nacht!

IMG_1752
Abendliche Aussicht vom Balkon

* Name von der Redaktion zum Personenschutz unkenntlich gemacht

5 Gedanken zu “Reha 1.7 Wochenresümee vom Hummel-Hasen

  1. Es ist so schön, das hier zu lesen und auch ein bisschen schmerzend. Heiterkeit und Trauer halten sich in besonderem Maße die Waage in Deinen Texten. Weit weg und doch so nah – selten so gespürt. Bin weiter dabei!

    Gefällt 1 Person

  2. Gudi

    Hummelhase,
    Deine Texte sind phantastisch. Du solltest dir überlegen ein Buch zu verfassen😌
    Bei manchen Sachen fühle ich mich in das Jahr 2016 versetzt…… der normale Alltag verschwimmt immer mehr…. ein völlig neuer Rhythmus beginnt, den man hinterher gar nicht so gerne aufgeben möchte , ist es doch herrlich so ganz ohne Alltag. Ich denke nicht dass man abstumpft, sondern an einem Punkt setzt die Entspannung ein und man lebt nur für sein Wohl. Und auch Tränen die fließen sind gut und befreien.
    Ich wünsche dir einen guten Start in die neue Woche meine Liebe und schicke dir eine liebevolle Umarmung 💗

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    1. Danke, du Liebe. Vielleicht stimmt das mit der Entspannung. Ich finde es auch ganz gut, bisher keinen Besuch zu haben. Das erlaubt es, mich noch mehr auf mich zu konzentrieren, mich nicht so abzulenken. Die Gedanken fließen wirklich freier 😉
      Danke auch für die Umarmung, das ist etwas, was hier wirklich fehlt! Hol du dir eine einfach bei H. ab, ja? ;-))
      Hummel

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