Und auf einmal ist alles anders, Reha die 1.

5.00 Uhr Der Wecker schellt. Blitzschnell realisiere ich: Heute ist der Tag.

6.00 Uhr Lasse mir das Frühstück schmecken und streichel danach nochmal die Katzen durch. Dann muss der Lieblingsmann herhalten. Er ist so lieb und bringt mich zum Bahnhof. Wir sind beide irgendwie wehmütig, hängen unseren Gedanken nach, die für die nächsten drei Wochen in so verschiedene Richtungen gehen werden.

7.00 Uhr Der Zug hat schon ein paar Minuten Verspätung, als er in Essen ankommt. Und ich nur 9 Minuten zum Umsteigen in Frankfurt. Aber es klappt alles, der Zug ist sogar recht leer.

Ich lese nicht einen Buchstaben, obwohl ich direkt zwei Bücher im Handgepäck mithabe. Stattdessen schau ich raus auf die vorbeihuschende Landschaft, lausche unappetitlichen Geräuschen hinter mir und bösen Kollegengesprächen vor mir. Die Zeit vergeht wie im Flug. Im Zug.

In Wiesbaden angekommen soll ich von den Gleisen aus rechts zum Busbahnhof gehen, wo zur vollen Stunde ein Klinikbus komme. Aha. Da gibt’s diverse Gleise, viele Busse, viele Menschen. Natürlich, ich hab noch fast eine halbe Stunde Zeit, latsche ich erstmal alle Bahnsteige und Busse ab, um sicherzugehen, dass da keiner steht und schon auf mich wartet. Dann geh ich zurück zum Vorplatz und stelle mich prominent in die Sonne.

Ein paar Meter neben mir sitzt eine Frau, etwa in meinem Alter, ebenfalls mit so einem kleinen Handgepäck wie ich, und auch sie schaut sich ab und an suchend um.
Als es 10 vor 10 ist, steht sie auf und stellt sich in meine Nähe, würdigt mich aber keines Blickes. Fest entschlossen, diesmal kommunikativ auf andere Menschen zuzugehen, frage ich ganz freundlich: „Warten Sie vielleicht auch auf den Reha-Bus?“
Sie nickt.
Mehr nicht.
Kein Ton kommt aus ihrem Mund.
Aha.
Vielleicht hat sie’s am Hals und kann gar nicht sprechen?
Ich versuche tapfer, sie weiter anzulächeln, aber sie dreht sich weg.
Ok, das war deutlich.

Als der Bus kommt, begrüßt uns eine sehr nette Fahrerin und fragt nach unseren Namen. Meine Mitanreisende kann sprechen. Zumindest ihren Namen.
Mehr sagt sie nicht.
Auch die Fahrt verläuft schweigend, sie schaut aus ihrem Fenster, ich schließlich resigniert aus meinem.
Beim Aussteigen schwatze ich zumindest nett mit unserer Fahrerin, sie soll nicht denken, es liege an ihr, dass wir so schweigsam sind. Wir bekommen den Weg zum Empfang gewiesen und rein geht es in die Reha-Klinik, die von innen und außen auch genau so wirkt: wie eine Klinik.

Am Empfang bleibt meine Mitanreisende weit hinter mir stehen, obwohl es höchstens 10 Schritte sind bis dahin, so dass ich also als Erste dran bin. Genauso bei der Aufnahme im Schwesternzimmer. Vorher müssen wir noch noch Fragebögen ausfüllen (wer sind wir und was wiegen wir?) und hätte wieder Gelegenheit für ein Schwätzchen. Aber mir fällt auch gar nichts mehr ein, was ich sagen könnte. Also rede ich mit anderen Patienten, die zum Blutdruckmessen reinkommen oder ein Glas Wasser möchten. Aber seltsam ist es schon.

Ich bekomme meinen Zimmerschlüssel, nachdem die Krankenschwester (die Susanne) festgestellt hat, dass ich alles alleine kann, laufen, essen, duschen, Medis nehmen.

Das Zimmer ist im 5. Stock, hell, laut und hoch über Wiesbaden. Da ich erst um 12.45 zum Mittagessen in Speisesaal 2 kann (es gibt wohl drei Speiseräume, 1, 2 und Premium), gehe ich mal durchs Haus, um mich zu orientieren. Alle laufen mit diesen weißen Beuteln um den Hals rum, in denen die Krankenakte und die Verordnungszettel oder wie auch immer das heißt, drin sind. Nur ich umklammere noch meine Handtasche, man erkennt mich auf den ersten Block als Neuling.

In der ersten Etage laufe ich „der Dame vom Bahnhof“ über den Weg, fast stoßen wir zusammen, uuuups! Verhuscht umrundet sie mich und macht sich – sprachlos – davon. Weia.

12.45 – 13.30 ist meine Mittagsessenzeit. Es gilt die freie Platzwahl. Theoretisch. Praktisch allerdings sollte man darauf achten, ob man von der militärisch wirkenden chinesischen?, vietnamesischen? Mitarbeiterin quasi die Teller unter der Gabel weggezogen bekommen möchte oder doch lieber nicht.

Und ich muss mir überlegen, ob ich tatsächlich wieder mit Dieter zusammensitzen möchte, dessen Lebenslauf und berufliche Karriere ich bereits in Stichpunkten von Geburt an bis heute kenne, zuzüglich des OP- und Genesungsverlaufs. Beim Abendessen („17.00 Uhr – gleicher Tisch, oder sollen wir uns am Eingang treffen?“) erwartet er wahrscheinlich den Gegenbericht.

13.30 Uhr Aufnahme durch die Stationsärztin.

Aber da wartet noch jemand mit mir, auf ihrem Zettel steht ebenfalls 13.30 Uhr, und die resolute Ärztin erklärt uns ausführlich, dass das ja nicht funktioniere. Ja, soweit waren wir auch schon.

Da mein Koffer noch nicht da ist, und in dem Koffer mein Artzdokumente auf Sichtung wartet, biete ich an, später wiederzukommen. Ich werde gefeiert. Und tatsächlich kommt der Koffer auch rechtzeitig.

Unterdessen suche ich den kostenlosen Wasserspender, denn Wasser gibt’s für heute genau eine Flasche, alles weitere Nass muss ich kaufen. Entweder flaschenweise am Kiosk, oder einen ganzen Kasten, den würde man dann aufs Zimmer bringen.

Alternativ gibt’s eben diesen Wasserspender, den ich im Untergeschoss finde, den man aber NUR mit den PET-Flaschen aus dem Kiosk benutzen darf.

Als Glas steht ein in Folie eingeschweißter Plastikbecher auf dem Zimmer. Herrlisch.

14.30 Uhr Tatsächliche Aufnahme durch die Stationsärztin.

Ich beantworte die ewig gleichen Fragen und werde belehrt, dass es ja nur für die Rentenversicherung sei, um zu belegen, warum ich die Reha brauche (die haben die aber doch schon genehmigt, also was soll das?), und damit ich im Fall der Fälle in vier Jahren wieder eine bekomme. Hilfe!

Danach kommt eine lächerliche körperliche Untersuchung, während der keine Bewegungseinschränkung festgestellt wird. Weder am Rücken, noch an Bein oder Schulter. Aha. Interessant. Das würde mein Lieblings-Physiotherapeut aber ganz anders sehen. Egal. Ich bin mit Sicherheit eine der Fittesten hier, wurde im Fahrstuhl auch schon gefragt, ob ich auch krank sei, ich sei ja noch so jung. Danke!

In Ermangelung eines Arztberichtes, der mir bescheinigt, dass ich Reha-tauglich bin (der wegen der Ostertage wohl einfach noch nicht hier ist), will die Oberärztin, telefonisch hinzugezogen, nun doch mal meine Röntgenbilder sehen. Sie will dann überlegen, ob es schon losgeht mit der Reha. Das sehe ich dann heute Abend ab 17.00 Uhr, da finde ich meinen Therapieplan in meinem Postfach.

OB ES LOSGEHT? Die spinnen ja wohl, weshalb bin ich denn hier? Habe schon beste Laune.

Außerdem scheint hier eine Erkältungswelle umzugehen, viele Therapie- und Freizeitangebote fallen aus wegen Krankheit. Na toll. Ich beschließe, schnell noch etwas Vitamin D zu tanken und mir danach einen Cafeteria-Besuch zu gönnen. Haben guten Kaffee zu üblichen Preisen. Immerhin. Und Dieter sitzt auch dort. Wir grüßen und winken uns artig. Geht doch.

2 Gedanken zu “Und auf einmal ist alles anders, Reha die 1.

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